Schreiben ist harte Arbeit. Ein klarer Satz ist kein Zufall. Sehr wenige Sätze stimmen schon bei der ersten Niederschrift oder auch nur bei der dritten. Nehmen Sie das als Trost in Augenblicken der Verzweiflung. Wenn Sie finden, dass Schreiben schwer ist, so hat das einen einfachen Grund: Es ist schwer.

— William Zinsser: On Writing Well


Was Sie in der Schule nicht gelernt haben


Wenn Ihnen nicht zu lesen gefällt, was ein anderer für Sie geschrieben hat – wer ist dann schuld? Sie, der Leser? Oder der Schreiber? Wenn Sie sich über den unverständlich formulierten Brief einer Behörde ärgern, eine Gebrauchsanweisung nicht verstehen, einen Roman gelangweilt zu Seite legen – sollen Sie dann dazulernen oder der Mensch, der das geschrieben hat?

Natürlich muss jeder lesen lernen, das heißt: nicht nur während der ersten Schuljahre die grundlegende Schreib- und Lesekompetenz erwerben, sondern auch die Fähigkeit, mit Texten kompetent umzugehen, selbst mit solchen, die einige Ansprüche an das Mitdenken stellen. Und genau das betrachten Deutschlehrer offenbar als ihre zentrale und meist auch einzige Aufgabe: Alles, was viele von uns (mich eingeschlossen!) während ihres gesamten Deutschunterrichts gelernt haben, war, schwierige Texte so oft zu lesen und so hartnäckig zu analysieren und/oder zu interpretieren, bis man vorgeben konnte, sie verstanden zu haben (oder auch nicht). Allein, dagegen spricht freilich nichts, hätte man, wozu zweifellos Anlass besteht, auch das Umgekehrte gelernt: die Technik nämlich, wie man einen Text schreibt, den der, für den er gedacht ist, mühelos verstehen kann und mit Vergnügen, also gerne liest; die Technik also, wie man verständliches, angenehmes und anregendes – kurz: gutes Deutsch schreibt.

Eine Selbstverständlichkeit, die gar keine ist!

Schreiben ist ein sensibles Thema. Wir betrachten Lesen und Schreiben als Schlüsselkompetenzen, als Fähigkeiten, die jeder von uns in der Schule gelernt hat. Wer Grammatik und Rechtschreibung einigermaßen (!) beherrscht, meint deshalb oft wie selbstverständlich, dass er auch gut schreibt bzw. schreiben kann. Wenn Sie so jemanden aber darauf hinweisen, dass seine Texte schlecht und umständlich geschrieben, schwer verständlich und langweilig sind, reagieren die meisten für gewöhnlich schwer beleidigt. Auf den Fuß folgt eine Frage wie diese vielleicht: "Willst du vielleicht behaupten, dass ich nicht schreiben kann?" Und wäre da nicht dieses gefährliche Funkeln in den Augen, man würde antworten: "Ehrlich gesagt, ja! Genau genommen, kannst du es nämlich nicht, jedenfalls nicht besonders gut!" Aber wer traut sich das schon zu sagen?

Dabei: man muss kein Genie sein, um gut zu schreiben – und Zauberei ist es auch nicht. Man kann es lernen wie ein Handwerk, und lernen wird es nur, wer übt, übt, übt. Texte sind selten perfekt, bei der ersten Niederschrift sowieso nicht; lassen Sie sich das bloß von niemandem einreden! Außerdem geht es bei Stilfragen in der Regel nicht um "richtig" oder "falsch", sondern vielmehr um "gut, besser, hervorragend" oder "Das kann echt kein Schwein lesen!". Stilistische Perfektion findet man, wie Perfektion grundsätzlich, ziemlich selten – und Sie selbst werden sie wahrscheinlich genauso wenig auf Anhieb erreichen (wenn überhaupt!) wie ich oder sonst jemand. Man bewältigt eventuell aufkommende Frustration daher leichter, wenn man sich von vornherein klar macht, dass es eigentlich immer nur um eine stete Annäherung geht – um eine Annäherung mit dem Ziel, der Perfektion mit jedem neuen Text ein wenig näher zu kommen.

Glauben Sie mir: selbst ein nur annähernd guter Text ist immer besser als ein blindlings verzapfter, schlecht geschriebener Text. Und davon gibt es leider viel zu viele!

Ist guter Stil überhaupt lehr- und lernbar? Die Antwort ist: ja, definitiv!

Es kann nicht verwundern, dass besonders wir Deutschen, als Weltmeister im Erfinden von Bedenken aller Art, mit schöner Regelmäßigkeit Zweifel daran äußern, ob gerade so etwas Kreatives wie Sprachstil (und dessen vorteilhafte Nutzung im Besonderen) in das Korsett lehrmeisterhafter Regeln gezwängt werden kann und/oder darf. Kurzum: kann es so etwas wie eine Anleitung zu wirklich gutem Deutsch überhaupt geben? Ist Stil nicht etwas Einzigartiges, etwas Individuelles, immer anders, jedes Mal besonders – und nur dann und deshalb als Stil zu bezeichnen?

Gewiss: bis zu einem gewissen Punkt ist das zweifellos so. Andererseits, und das bitte ich zu bedenken, hat es über die wesentlichen Kriterien guten Stils unter allen deutschen Stillehrern der letzten zweihundert Jahre überhaupt keine Meinungsverschiedenheiten gegeben – selbst international (!) herrscht über die Grundsätze des guten Schreibens Einigkeit. Wäre es daher nicht töricht, diese Grundsätze nicht wenigstens zu kennen, die man einzuhalten angehalten wird? Danach ließe sich freilich immer noch entscheiden, ob man sich nun nach ihnen richten oder sie ignorieren möchte – mit dem Unterschied, dass man eine solche Entscheidung nun bewusst treffen könnte.

Was wir hier versuchen wollen

Alle anderen, die offen sind und neugierig, wie man seinen Schreibstil grundlegend und nachhaltig verbessern kann, die werden, so meine ich, hier fürs Erste gut bedient sein. Einschränkend möchte ich allerdings Folgendes hinzufügen: Was Sie hier von mir zusammengefasst vorfinden werden, ist freilich nur die Spitze des sprichwörtlichen Eisbergs und kann niemals als vollständig gelten – diesen Anspruch erheben wir erst gar nicht. Verstehen Sie es als ein erstes interessiertes Kratzen an der Oberfläche; für alles, was darunter liegt, seien Sie auf die von mir empfohlene Literatur verwiesen: Dort werden Sie all das Theoretische finden, auf das ich verzichtet habe, um Platz für das Praktische zu schaffen.

Die hier zusammengestellten Regeln, ich nenne sie eigentlich lieber "Prinzipien" oder "Grundsätze", werden Ihnen in ihrer Gesamtheit, da bin ich zuversichtlich, als verlässliche Richtschnur dienen – verbindlich indes sind sie natürlich nicht, zumal jede Regel, wie Sie sicher wissen, zu jeder Zeit auch nach ihren Ausnahmen verlangt. Es gibt eine interessante These, die besagt sogar, dass gutes Deutsch gar nicht durch die strikte Einhaltung aller Stilregeln erreicht werde – sondern dadurch, dass man diese Regeln in den richtigen Momenten missachte, wobei freilich vage bleibt, wie man die "richtigen Momente" denn als solche erkennt? Den "richtigen Moment" erkennt wahrscheinlich, wer über ein gutes Sprachgefühl verfügt – und über ein gutes Sprachgefühl verfügt nur, wer hart und unerbittlich an seinem Schreibstil feilt. Sie sehen: wir sind auf jeden Fall auf dem richtigen Weg!

Im Übrigen liegt die Gefahr einer echten Stilsünde häufig aber auch gar nicht in der Art des Vergehens, sondern vielmehr, davon bin ich überzeugt, in der Häufigkeit: Im Grunde können Sie also gegen (fast) alle Empfehlungen, guten Stil betreffend, verstoßen, solange Sie es bewusst tun, also begründet – und vor allem nur ausnahmsweise, also selten!

Daher, um es mit Schopenhauer zu halten, ergreife jeder Wohlgesinnte und Einsichtige mit mir Partei für die deutsche Sprache und gegen die deutsche Dummheit. Es ist Zeit, dass Sie sich als Schreiber wieder quälen, damit es Ihre Leser nicht tun müssen.

Niemand sagt, dass es einfach ist... das ist es nicht!
Glauben Sie mir: Ich weiß, wovon ich schreibe.

Mannheim, im September 2011
Marco Prestel

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