Sehr, sehr lästige und leider die mit am weitesten verbreitete Methode, Argumente zu untermauern: Eine Erfahrung wird als eine Art Beweis angeführt und dieser Beweis entsprechend für unwiderlegbar gehalten, schließlich entstammt er ja der Wirklichkeit, dem praktischen Leben, sofern er nicht ausgedacht und also eine Lüge ist. Und deshalb, so nehmen offenbar viele an, muss es stimmen.

Weit gefehlt!

Ein Sprichwort lehrt uns, dass wir aus Erfahrungen lernen. So allgemein formuliert, stimmt das wahrscheinlich auch. In Alltagsgesprächen wie in Diskussionen werden deshalb unablässig Erfahrungen herangezogen, die dazu dienen sollen, über Ereignisse und Eindrücke zu berichten oder eben um Thesen zu untermauern, zu verteidigen oder zu widerlegen. Tatsache aber ist: Erfahrungen können trügerisch sein und führen häufig in die Irre! Außerdem ändern sich die Bedingungen, unter denen man Erfahrungen macht, ständig. Daher sollte man stets hinterfragen, inwieweit und auf welche Weise Erfahrungen Bestandteile von Argumenten sein können?

Generell neigen wir dazu, Erfahrungen zu überschätzen – besonders unsere eigenen: Etwas, das wir selbst in einer bestimmten Situation oder an einem bestimmten Ort erlebt haben, das wir beobachtet, gehört oder gefühlt haben, scheint uns unabweisbar zu sein. Die Wahrheit aber ist, dass eine zweite Person in genau der gleichen Situation oder am gleichen Ort völlig andere Erfahrungen machen und völlig andere Eindrücke haben kann, vielleicht macht diese Person sogar die gleichen Erfahrungen wie man selbst, nimmt sie aber trotzdem völlig anders wahr!

Jeder sollte sich deshalb darüber im Klaren sein, dass es in vielen Fällen durchaus problematisch ist, Erfahrungen heranzuziehen, um eine Behauptung oder sogar eine ganze Theorie zu stützen. Dazu kommt außerdem: jede Erfahrung ist mit verschiedenen Theorien verträglich – auch mit Theorien, die einander ausschließen.

Um Missverständnissen vorzubeugen, sei klargestellt, dass es in keiner Debatte darum gehen sollte, die Erfahrungen eines Teilnehmers zu diskreditieren – vielmehr sollte man, wenn solche Erfahrungen argumentativ verwendet werden, kritisch hinterfragen, ob die Annahmen wirklich vertretbar sind, die dieser Teilnehmer auf seine Erfahrung stützt?
 

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