In Talkshows und häufig auch in ernst gemeinten Debatten führt man dem Publikum gerne Betroffene vor, die über ein mehr oder weniger brisantes Thema vermeintlich besser sprechen können, da sie auch existenziell davon berührt sind.

Dagegen ist grundsätzlich natürlich auch nichts einzuwenden, die Teilnahme von Betroffenen kann eine Debatte nämlich durchaus aspektreicher und lebendiger machen. Häufig erlebt man aber, dass Betroffenheit überbewertet wird: Betroffene, so denken augenscheinlich viele, sind in besonderer Weise kompetent, denn sie wissen ja genau – um nicht zu sagen: unmittelbar, worüber sie sprechen. Auf diese Weise geraten Betroffene leicht in eine privilegierte Position, die ihnen aber überhaupt nicht zusteht, und ihre Ideen und Argumente scheinen ganz besondere Beachtung zu verdienen, obwohl sie nicht zwangsläufig besser sind oder schwerer wiegen als die aller anderen an der Diskussion Beteiligten.

Was grundsätzlich zählt (zählen sollte), sind die Argumente, die sich in einer Diskussion bewähren müssen! Das heißt, man muss nicht zwangsläufig selbst betroffen sein, um sich mit einer Sache auseinandersetzen zu können: Um Krebstherapien zu entwickeln, muss man nicht selbst an Krebs erkrankt sein; um Rechtsextremismus vernünftig kritisieren zu können, muss man nicht selbst rechtsextremistischer Gewalt zum Opfer gefallen sein; um zu erkennen, ob ein Ei faul ist, muss man nicht selbst welche legen können; um zu beurteilen, ob ein Essen gut schmeckt, muss man es nicht selbst gekocht haben – geschweige denn kochen können!

Betroffen sein heißt, über bestimmte Erfahrungen zu verfügen, die viele andere nicht gemacht haben. Damit sind so gut wie immer Gefühlserlebnisse und andere subjektive Regungen verbunden: Hoffnungen, Ängste, Schmerzen und Freuden. Manchmal sind betroffene Gesprächspartner daher so sehr in ihrer Betroffenheit versunken, dass sie eine rationale Haltung, wie sie von Unbetroffenen eventuell vertreten wird, nicht nachvollziehen können – oder wollen. Aber gerade die möglichst rationale, sachliche und objektive Haltung ist es, auf die es in einer Diskussion ankommt, von der eine Diskussion nachhaltig profitiert, durch die man in einer Diskussion überhaupt vorankommt!

Die Tatsache, dass jemand als Betroffener ein bestimmtes Gefühl bei sich wahrnimmt, kann man nicht kritisieren – wohl aber, wie bei anderen Erfahrungen auch, die daran geknüpften Hypothesen! Entsprechend sollte man in vernünftigen Auseinandersetzungen keine Anti-Gefühle-Position vertreten, sondern versuchen, zu differenzieren bzw. denjenigen, die auf ihre Gefühlen beharren, vorschlagen, dies ebenfalls zu tun: Gefühle werden selbstverständlich respektiert, ohne dass die daran geknüpften Annahmen kritiklos akzeptiert werden müssen!

Man sollte also nicht versuchen, den Gesprächspartnern die subjektiven Befindlichkeiten und Betroffenheiten auszureden – besser ist stattdessen, über die daran geknüpften Behauptungen (Aussagen) zu diskutieren!

 

»  zurück zur Übersicht

 Impressum | Disclaimer | Kontakt