3. Weg mit Adjektiven und Adverbien!

»Man gebe den Hauptwörtern den Rachen frei
und erlaube ihnen, alle Eigenschaftswörter zu verschlingen.«

― W.E. Süskind

»Bevor Sie ein Adjektiv hinschreiben,
kommen Sie zu mir in den dritten Stock und fragen, ob es nötig ist.«

― Georges Clemenceau


Eine Überschrift sollte originell sein und Interesse wecken - dazu darf sie auch mal überspitzt formuliert sein, ohne sogleich Anspruch auf Absolutheit zu erheben. Natürlich dürfen Sie Adjektive und Adverbien verwenden, sollen es auch, müssen es manchmal sogar.

Dennoch: Adjektive sind die am meisten überschätzte Wortgattung: oft überflüssig, oft falsch, oft hässlich. Und sind sie all das nicht, wirken sie immer noch wie Weichmacher, eine Bedrohung für Klarheit und Kraft im Ausdruck. Es ist eine abwegige Vorstellung, dass sich vor jedem Substantiv ein Hohlraum befindet, der unter allen Umständen gestopft werden müsse; daher gilt für jedes Eigenschaftswort, wo es nicht zwingend ist, ist es falsch! Wo es nicht unterscheidet oder aussondert, ist es zu streichen! Machen Sie es sich zum Grundsatz, bei jedem Adjektiv zu begründen, warum es unerlässlich ist. Strenge Zurückhaltung gegen das Adjektiv, sogar völlige Enthaltsamkeit ist allemal besser als das Gegenteil. Betrachten Sie jedes gestrichene Adjektiv als Gewinn, und bewahren Sie Ihr Misstrauen gegenüber jedem Satz, der mehr als ein Adjektiv enthält.

Und für Adverbien gilt in aller Regel das gleiche: Adverbien verwässern klare Aussagen, daher sind alle Adverbien, die präzise Aussagen vernebeln, konsequent zu streichen! Weg, weg, weg damit!

Am besten Sie stellen es sich so vor: Adjektive und Adverbien sind wie der Löwenzahn in Ihrem Blumenbeet. Einer allein sieht ganz nett aus, das ziert und hat etwas Ursprüngliches. Zwei sind okay. Drei oder mehr aber gelten in der Regel als inakzeptabel! Dann nämlich betrachtet man den Löwenzahn nicht mehr länger als Zierpflanze, sondern als Unkraut – und rupft ihn aus. Genauso sollten Sie mit Beiwörtern aller Art verfahren. Rupfen Sie sie aus! Un-er-bittlich...

 

3.1 Steigern Sie besser nicht!

Zu den schlechten Eigenschaften des Adjektivs kommt hinzu, dass es sich auch noch steigern lässt!

Streng genommen, sollte man schon den Komparativ, also die erste Steigerungsstufe, vermeiden. Unter Sprachlehrern gilt das mit Bedacht gesetzte Beiwort nämlich bereits als etwas Starkes und Durchdringendes, das eine Verstärkung weder braucht noch verträgt. Spätestens beim Superlativ aber werden alle Grenzen guten Stils gesprengt: Der Superlativ gilt als schreiende Form und sollte auf jeden Fall vermieden werden – schon Bismarck war der Auffassung, der Superlativ reize geradezu zum Widerspruch.

Nicht zuletzt ist zu bedenken, dass es eine Fülle von Adjektiven gibt, die sich überhaupt nicht steigern lassen, aber dessen ungeachtet munter von vielen Schreibern in den Komparativ oder Superlativ erhoben werden, z.B. alltäglich, eindeutig, einzig und die meisten Wörter auf -los, sorglos oder vorurteilslos etwa – obwohl die totale Abwesenheit von Sorgen oder Vorurteilen eine Steigerung gar nicht mehr zulässt! Und allein das Adjektiv "in keinster Weise" sagen nur die Dümmsten.

Also, steigern Sie nur selten, und vergewissern Sie sich, dass es logisch auch möglich ist.
Den Superlativ ignorieren Sie am besten völlig - spielen Sie nicht mit den Schmuddelkindern!  

 

3.2 Vorsicht vor falschen Adjektiven und überflüssiger Verdoppelung!

Den sprichwörtlichen weißen Schimmel kennt man ja, auch den runden Ball verbietet man sich gemeinhin. In solche tautologische Fallen tappt heute keiner mehr. Möchte man meinen. Und doch liest man von seltenen Raritäten (als gäbe es eine Rarität en Gros) oder von schwachen Brisen (eine Brise ist immer schwach, sonst ist sie ein Wind oder Schlimmeres). Achten Sie also darauf, dass das von Ihnen gewählte Beiwort keine Eigenschaft beschreibt, die in der Bedeutung des Hauptworts schon enthalten ist. Hier eine Auswahl solcher Tautologien oder Pleonasmen:

  • restlos überzeugt: wer überzeugt ist, muss es restlos sein, sonst ist er nicht überzeugt;
    das gleiche gilt übrigens auch für sich hundertprozentig sicher sein

  • innerer Kern: ein Kern kann hart oder weich sein, aber er ist immer innen

  • andere Alternativen: wären sie nicht anders, wären es keine Alternativen

  • soll angeblich: die Gerüchteküche tobt, denn "Frau Müller soll angeblich im Lotto gewonnen haben!" Aber auch ohne soll oder angeblich bleibt es eine Vermutung: "Frau Müller hat angeblich im Lotto gewonnen!" - oder: "Frau Müller soll im Lotto gewonnen haben!"

  • amüsant auch ohne zusätzliches Beiwort sind ferner die Einzelindividuen, Zukunftsprognosen oder (mein absoluter Favorit!) der Hauptprotagonist

  • und wer einen weißen, weißen Schimmel basteln will, der spricht auch schon mal vom absoluten Stillschweigen

 
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