4. Her mit den Königswörtern: Verben, Verben, Verben!

»Mach’s Maul auf! Tritt fest auf! Hör bald auf!«

― Luther

Verben bringen Farbe und Leben in Ihren Text. Und obwohl sie rund ein Viertel unseres Wortschatzes ausmachen, scheinen viele Menschen nach ihrer Schulzeit zu vergessen, dass es sie gibt. Wo immer man aber die Wahl zwischen zwei Wortarten hat, sollte man sich für das Verb entscheiden – das Wort der Tätigkeit, der Aktion, der Tat, des prallen Lebens, so könnte man sagen. Und diese Wahl hat man häufiger, als die meisten glauben.

Zu viele Verben in einem Text... mit Verlaub, so etwas gibt es nicht!

4.1 Verscheuchen Sie Substantivierung! Töten Sie jedes "-ung"!
4.2 Passivität immer meiden: Schreiben Sie "aktiv"!
4.3 Misstrauen Sie Infinitiven!
4.4 Schöpfen Sie aus dem reichen Fundus der guten Verben!
4.5 Machen Sie einen großen Bogen um die schlechten Verben!

 

4.1 Verscheuchen Sie Substantivierung! Töten Sie jedes "-ung"!

Substantivierung macht Texte trocken und schwerfällig, steif und bürokratisch: "Wir haben eine Terminverschiebung beantragt." Ganz furchtbar, finden Sie nicht auch? Besser wäre: "Wir haben beantragt, den Termin zu verschieben."

Eventuell können Sie mit dem Begriff Substantivierung (Fachleute sprechen hier von Nominalisierung) nicht viel anfangen, das macht aber natürlich nichts. Substantivierung bzw. Nominalisierung kann man - nicht immer zwar, aber relativ häufig an der typischen Endung -ung erkennen. Und fast ebenso leicht, wie sich Substantivierung erkennen lässt, lässt sie sich tilgen! Versuchen Sie einfach, möglichst jedes künstlich gezüchtete Hauptwort wieder in ein Verb zu verwandeln und alle überflüssigen Wörter zu streichen. Wer elegantes und interessantes Deutsch schreiben will, sollte jedes Substantiv, das durch ein Verb ersetzt werden kann, ohne Zögern ersetzen.

Ich selbst habe oft Studenten (Germanistikstudenten wohlgemerkt!) für Substantivierung argumentieren hören mit der Begründung, diese sei sprachlich ökonomischer, so nach dem Motto: immer möglichst viele Informationen in möglichst wenige Worte und - wenn's geht: in einen einzigen Satz packen! Stopfen indes wäre wohl der angemessenere Ausdruck! Eine solche Haltung ist meines Erachtens akademisch im schlechteren, hässlich im stilistischen, rücksichtslos im leserorientierten und unvorteilhaft im eigenen Sinne! Wer sich abmüht, 12 kluge Gedanken in 6 aufgeblasene Substantive und diese wiederum in einen einzigen Satz zu stopfen, riskiert, dass nicht einmal die Hälfte seiner Informationen beim Leser ankommt. So wird die sklavische Liebäugelei mit der Substantivierung fast zum Selbstbetrug. Seien Sie vernünftig: Lassen Sie's lieber bleiben!

 

4.2 Passivität immer meiden: Schreiben Sie "aktiv"!

Das Passiv ist eine späte, künstliche, gleichsam entmenschlichte Form des Verbs, in Dialekten selten oder unbekannt, Kindern erst spät zugänglich und, wie untrüglich und mehrfach gezeigt werde konnte, bei jedem Verständlichkeitstest ein höchst hinderlicher Faktor! Es ist ein Werkzeug des Befehls ("Jetzt wird geschlafen!"), der Liebling aller Behörden ("Sie werden hiermit aufgefordert,…") sowie das gängige Vehikel aller Kochrezepte und Gebrauchsanweisungen (haben Sie jemals eine verständliche Gebrauchsanweisung in der Hand gehalten?). Grundsätzlich sollte man es daher vermeiden!

Passive Verben sind nur in wenigen Fällen sinnvoll, denn sie haben den zusätzlichen Nachteil, zum Verstecken der handelnden Person einzuladen. Aber wenn sowieso klar ist, wer oder was etwas tut, dann sollte man die Menschen oder Dinge auch beim Namen nennen und mit einem aktiven Verb beschreiben, was sie tun. Wenn es Ihnen nicht klar ist – umso schlimmer! Aktive Verben sind direkt und machen kein unnötiges Geheimnis aus einer Aussage.

Zulässig ist das Passiv eigentlich nur dann, wenn die handelnde Person den Leser nicht zu interessieren braucht ("Der Bahnhof wird um Mitternacht geschlossen.") oder wenn übermenschliche Kräfte wüten ("Der Staudamm wurde weggerissen."). In allen anderen Fällen ist das Passiv entweder eine Unsitte oder die Flucht des Schreibenden, der die handelnde Person nicht in Erfahrung bringen konnte. Bei Stephen King heißt es daher treffend: "Das Passiv ist schwach und umständlich, und oft ist es reine Quälerei." Recht hat der Mann, der Unterschied zwischen Aktiv und Passiv ist der Unterschied zwischen Leben und Tod! 

 

4.3 Misstrauen Sie Infinitiven!

Auch die scheinbar unschuldigste Form des Verbs, der Infinitiv, kann formal leicht Ärger bereiten. Außerdem ist der Infinitiv eine schriftliche, eine literarische Form des Verbs und selbst unter gebildeten Erwachsenen beim Sprechen selten: "Sei doch so nett und gib mir das Buch!", sagen wohl die meisten – eher selten aber: "Sei doch so nett, mir das Buch zu geben!" Das klingt auch unter Akademikern etwas zu gedrechselt. Dabei gilt es zu beachten, dass es Infinitive gibt, die entweder einfach nur hässlich sind oder aber tatsächlich falsch!

  • Der Infinitiv ist hässlich, wenn ein zweiter Infinitiv von einem ersten abhängt; etwa hier: "Die Schulleitung hat allen Grund, den Schülern zu verbieten, während der Pause den Schulhof zu verlassen."

  • Der Infinitiv ist falsch, wenn er eine bereits gemachte Aussage tautologisch wiederholt, und das passiert vielen Schreibenden häufiger, als ihnen vermutlich bewusst ist. Eine Formulierung wie "Die Fähigkeit, Englisch sprechen zu können" ist, streng genommen, genauso falsch wie "Die Erlaubnis, den Schulhof verlassen zu dürfen"! In der Fähigkeit steckt das Können nämlich schon drin, genauso wie das Dürfen in der Erlaubnis. Richtig muss es also heißen: "Die Fähigkeit, Englisch zu sprechen" - und: "Die Erlaubnis, den Schulhof zu verlassen."

  • Entsprechend sollten Sie immer alle zu können, zu dürfen, zu wollen, zu sollen oder zu müssen daraufhin prüfen, ob sie nicht entweder getilgt oder durch die konjugierte Form des Verbs ersetzt werden können.

Wenn Sie unsicher sein sollten, denken Sie an den wunderbaren Mark Twain und seine nicht unberechtigte Klage, deutsche Sätze zeichneten sich vor allem dadurch aus, dass, wenn man meine, sie seien endlich zu Ende, immer noch ein "gehabt haben worden zu sein" nachhinke.

 

4.4 Schöpfen Sie aus dem reichen Fundus der guten Verben!

Und was, werden Sie zurecht fragen, sind denn dann die guten Verben? Die echten Königswörter?
Das sind natürlich die wahren Tatwörter, also die Träger von Handlung und Kraft. Und die lassen sich relativ leicht in 2 Gruppen unterteilen:

1.   Die wirklich guten Verben sind in erster Linie und vor allem anderen die schlichten Verben!
Am besten Sie halten sich immer an die wichtigste aller Vorgaben, den Leser sehen, hören, fühlen, schmecken und riechen zu lassen. Und dann erinnern Sie sich an den großartigen Friedrich Schiller: "Und es wallet und siedet und brauset und zischt, wie wenn Wasser mit Feuer sich menget!"
Der reine Wahnsinn, oder!? Über so einen Satz kann ich mich eine ganze Woche lang freuen!

2.   Eine zweite Möglichkeit besteht darin, geläufige Verben in einem ungewöhnlichen, also überraschenden Zusammenhang zu verwenden. Man versucht sich quasi in der Kunst, ein altgedientes Verb so zu setzen, dass es möglichst frisch erblüht – frei nach Schopenhauer: "Man gebrauche gewöhnliche Wort und sage ungewöhnliche Dinge!"
Zugegeben, das ist zweifellos schon ein wenig schwieriger und kann darüber hinaus auch sehr leicht daneben gehen - um nicht zu sagen: unfreiwillig komische Resultate hervorbringen, aber seien Sie versichert, jedes einzelne zündend gesetzte Verb entschädigt für die unzähligen, an blanken Unsinn grenzenden Fehlversuche, die Ihnen garantiert immer mal wieder unterlaufen werden. Bleiben Sie standhaft, und versuchen Sie es weiter! Dann wird auch Ihnen irgendwann so ein wunderbarer Eichendorff-Satz gelingen wie dieser hier: "Ein Sturm geht lärmend um das Haus."

 

4.5 Machen Sie einen Bogen um die schlechten Verben!

Auch unter den Königswörtern hat sich natürlich viel Müll angehäuft.
Und es hilft nichts, der Müll muss weg! Folgende vier Verbgruppen sollten Sie sehr (!) misstrauisch beäugen:

1.   Streckverben (grammatisch: Funktionsverben) sind jene Tätigkeitswörter, die sich nicht allein, sondern nur in Begleitung eines Substantivs auf die Bühne Ihres Textes trauen, wie beispielsweise Abhilfe schaffen, in Erwägung ziehen oder Verzicht leisten. Die meisten dieser Streckverben lassen sich leicht durch ein einziges, ein besseres Verb ersetzen:

  • Statt in Erwägung ziehen schreiben Sie besser erwägen,

  • statt zum Abschluss bringen besser abschließen,

  • statt einer Prüfung unterziehen einfach prüfen,

  • statt Gebrauch machen von schlicht (be)nutzen und

  • wer in der Lage zu etwas ist, der kann etwas. Punkt.

Streckverben haben den besonderen Nachtteil, dass sie, je nach grammatischer Konstruktion, im Satz mal mehr, mal weniger weit auseinander gezogen werden, so dass der Leser im Kopf manchmal regelrecht einen Spagat machen muss, um den ganzen Satz zu verstehen. Ihre Texte werden unverständlich und führen im schlimmsten Fall in die Irre, je weiter die einzelnen Teile dieser Konstruktion auseinander liegen. Denken Sie auch hier immer an die Silbenregel und wählen Sie besser das einfache, das schlichte Verb. Wenn Sie dennoch ein Streckverb benutzen wollen oder müssen, achten Sie auf jeden Fall darauf, dass die beiden Teile des Verbs so nah wie möglich beieinander stehen - zwar kommen Sie bei Lesern mit guten Texten gut an, aber Sie kommen besser an bei Lesern mit guten Texten ohne Streckverben.  

2.   Und noch einmal: Halten Sie sich unbedingt und ausnahmslos an die Silbenregel. Das gilt natürlich für alle Wortarten, für die Verben aber ganz besonders! Jedes gestrichene Wort ist ein Gewinn, und jede abgeschlagene Silbe ein weiterer Feinschliff an Ihrem Text. Verben lassen sich oft um eine Vorsilbe (oder sogar mehr) kürzen!

  • Überprüfen Sie immer, ob sich aus Verben wie abändern, abklären, abmildern oder abzielen nicht auch ändern, klären, mildern oder zielen machen lässt. Ersparnis an Zeit und Raum, Zuwachs an Saft und Kraft.

  • Ähnlich bei anmieten, anfragen und anwachsen, aufspalten, aufzeigen und aufoktroyieren, bei vorprogrammieren oder vorwarnen (eine Warnung sollte der Gefahr immer vorausgehen).

Seien Sie gnadenlos mit jeder Silbe, die sich abschlagen lässt. Weg damit!

3.   Üben Sie Zurückhaltung gegenüber toten Verben wie sich befinden, liegen, gehören oder es gibt. Im Grenzfall auch gegenüber den Hilfszeitwörtern haben, sein und werden, natürlich vor allem anderen dann, wenn Sie diese allein, also als eigenständige Prädikate verwenden ("Ich bin aus Mannheim!" klingt doch recht umgangssprachlich und ist stilistisch bei weitem nicht so gelungen wie: "Ich komme aus Mannheim!" oder "Ich lebe/wohne in Mannheim!"). Auch nicht viel besser sind Luftwörter wie bewirken und bewerkstelligen oder Spreizverben wie vergegenwärtigen und beinhalten.

4.   Am schlimmsten sind die so genannten Germanistenwörter: widerspiegeln, darstellen oder antreffen.
Meine absoluten Hasswörter!

Wenn Sie je in einem Text darstellen oder antreffen verwendet haben sollten, streichen Sie es sofort und denken Sie über eine bessere Variante nach – es gibt auf jeden Fall eine, ob Sie's glauben oder nicht! Davon habe ich persönlich schon mehr als ein dutzend Studenten innerhalb von Minuten mühelos überzeugen können, und aus der Magisterarbeit einer guten Freundin habe ich unlängst jedes verwendete (!) darstellen konsequent herausgestrichen - jedes einzelne ließ sich durch ein besseres Verb ersetzen!   

»  zurück zur Übersicht

Impressum | Disclaimer | Kontakt