5.  Misstrauen Sie Synonymen!
     Bekämpfen Sie Thesaurus!
     Wiederholen Sie!

»Im Anfang war das Wort,
und das Wort war bei Gott,
und Gott war das Wort.«

― Johannes 1,1

»Im Anfang war das Wort, selbiges befand sich bei Gott,
und Letzterer identifizierte sich mit Ersterem.«

― Johannes 1,1
nach der Korrektur eines Deutschlehrers


Zweimal machen oder dreimal aber in vier Zeilen, das mag kein Leser. Also sollte man das zweite aber ersetzen durch doch, jedoch, hingegen oder allerdings und überlegen, ob es nicht vorteilhafter wäre, das letzte zu streichen. Jede Häufung, zumal wenn sie hartnäckig wiederkehrt, ist ärgerlich. Zweifellos. Daher sollten Sie immergleiche Silben auf engem Raum vermeiden - so, wie Sie’s in der Schule brav gelernt haben. Ferner sollten Sie auch wirklich keine Chance ungenutzt lassen, unseren reichen Wortschatz mit Liebe, Kreativität und viel Phantasie auszubeuten, wo es möglich und angebracht ist - man beachte: wo es angebracht ist!

Geimpft durch synonymbesessene Lehrer, haben viele von uns während der Schulzeit die absurde Vorstellung entwickelt, dass jedes Wort nur ein einziges Mal benutzt und bei zweiter Gelegenheit konsequent durch ein neues, ein völlig anderes Wort ersetzt werden müsse – sonst schrieb einem der Lehrer mit roter Tinte das böse Wdh! an den Rand. Das Verzwickte hierbei: gerade für die geläufigsten Substantive sieht unsere Sprache oft keine Synonyme vor! Wer trotzdem welche aus dem jeweils zur Verfügung stehenden Synonymfundus hervorzerrt, produziert fast immer unverständlich, albern oder geradezu grotesk klingende Texte. Ein arg hoher Preis für eine bloße Zwangsvorstellung, nicht wahr?! Der Ärger verschlimmert sich mit der Sitte, Namen und Substantive durch Verweise zu ersetzen: Ersterer und Letzterer, dieser und jener. Verliebt in den ständigen Wechsel des Ausdrucks, muten viele ihren Lesern zu, mitunter in den vorletzten Satz zurückzuspringen und sich dort nach den geeigneten Bezugswörtern umzusehen. Eine Frechheit sondergleichen!

Synonyme zu finden indes ist in den Zeiten professioneller Textverarbeitung leichter als je zuvor: Den unbequemen Weg ans Bücherregal hin zum Synonymwörterbuch muss heute keiner mehr machen, die schnelle Alternative ist nur eine einfache Tastenkombination entfernt und heißt üblicherweise: Thesaurus. Wer beim Schreiben stecken bleibt, weil ihm auf die Schnelle nicht einfällt, "wie man noch zu Wind sagen kann", dem weiß Thesaurus ungefähr 20 Alternativen einzuflüstern. Für den Wind aber hat weder der liebe Gott noch irgendein Deutschlehrer ein Synonym gemacht. Ist er schwächer, heißt er Brise – ist er stärker, heißt er Sturm; aber wenn er gerade so stark bläst, dass alle Welt ihn Wind nennt, dann kann er nicht anders heißen, auch wenn er hundert Seiten lang bläst. Sollten Sie also wieder einmal stutzen, widerstehen Sie der Versuchung! Seien Sie stark! Besiegen Sie Thesaurus!

Die Wahrheit ist ganz schlicht und ergreifend: der Vorrat an Synonymen ist drastisch kleiner, als deren Verwender und Propagandisten (oder Thesaurus) Ihnen weismachen wollen. Manche Stillehrer meinen sogar, es gebe überhaupt kein Wort, das sich gegen ein anderes austauschen lasse, ohne dass sich nicht entweder die Intensität des Ausdrucks, der Bedeutungsumfang, die Stilebene, die Bewertung oder der Verständlichkeitsgrad änderte. Auf den Punkt gebracht, heißt das, so etwas wie ein gleichwertiges Synonym gibt es meistens gar nicht! Wer also verstanden werden und kraftvoll schreiben will, der wechselt den Ausdruck nicht! Wiederholung darf sein! Wiederholung muss sein!

Variieren darf und soll man Nebensachen: Wo viel gemeint wird, da darf auch mal geglaubt werden (obwohl das nicht immer dasselbe ist!), und Konjunktionen wie obwohl und obgleich kann man freilich im Wechsel gebrauchen. Aber nicht, wenn es um Hauptsachen geht! Wenn ich dieselbe Sache meine, dann muss ich sie auch mit demselben Wort bezeichnen. Springe ich über zu einem anderen Ausdruck, lade ich Hörer und Leser ein, sich darunter eine andere Sache vorzustellen. Nicht nur Unverständlichkeit, auch Missverständnis und Lächerlichkeit folgen aus der Zwangsvorstellung, man müsse selbst die unsinnigsten Ersetzungen in Kauf nehmen, um nicht seinen alten Deutschlehrer zu brüskieren.

Wenn es richtig und wichtig ist, wiederholen Sie!
Das treffende Wort ist fast nie ein Synonym!

 
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