6. Das Problem der Satzlänge (Teil 2):
Jagen Sie Sätze durch das Zeitfenster!

Lassen Sie uns zu Beginn noch einmal Folgendes rekapitulieren: Für die Gestaltung verständlicher und attraktiver Texte empfiehlt sich, wie wir schon festgestellt haben, ausdrücklich die Verwendung kurzer Sätze, da kurze Sätze eindeutig besser verstanden und behalten werden als lange Sätze, zumal wenn sie verschachtelt sind. Bezug nehmend auf diese scheinbar (!) einfache Regel empfehlen auch die meisten Stilkunden, ältere wie jüngere gleichermaßen, stets in kurzen Sätzen zu schreiben – bieten aber, sehr zum Leidwesen vieler Schreibenden, fast immer nur unverbindliche Richtwerte an für eine maximale Wortzahl pro Satz.

Daraus ergeben sich für uns zwei praktische Probleme: Zum einen müssen wir klären, wie "lang" ein optimal kurzer Satz höchstens sein darf? Zum anderen ist mit der Anhäufung ausschließlich kurzer Sätze auch ein erhebliches sprachästhetisches Problem verbunden. Denn: in ausschließlich kurzen Sätzen zu schreiben, das traut sich kein Student, Journalist oder Autor – die Sätze, die Studenten, Journalisten und Autoren stattdessen oft produzieren, traut sich dann aber dummerweise auch fast keiner mehr zu lesen!

Gewiss: die Regel, kurze Sätze zu machen, erscheint etwas zu pauschal und in praktischer Hinsicht wenig befriedigend, denn kurze Sätze allein garantieren noch für gar nichts – auch sie können, miserabel hintereinander gezimmert, ein unerträgliches Resultat erzeugen: Eine endlose Reihung ausschließlich kurzer Sätze, alle lediglich durch Punkte voneinander getrennt, ergibt einen "Holzhacker"- bzw. "Asthma"-Stil, der niemals schön zu lesen ist und den Leser wahrscheinlich eher vertreibt, statt ihn zum Weiterlesen zu animieren. Zur Verteidigung sei allerdings hinzugefügt, dass man kurze Sätze, entgegen der landläufigen Meinung, sehr wohl auch über mehrere Zeilen hinweg verwenden kann, ohne dabei zwangsläufig einen ruckenden Zug zu bewegen: Sätze, auch Hauptsätze, müssen schließlich nicht notwendigerweise durch Punkte voneinander getrennt werden – Kommata wären z.B. auch eine Möglichkeit, weil das Komma die Stimme (auch die im Kopf!) hebt, wo der Punkt sie senkt und zum Luftholen einlädt.

Verabschieden wir uns an dieser Stelle also lieber von der sklavischen und mithin unangebrachten Haltung, fortan nur noch kurze Sätze zu schreiben – wichtiger als die bloße Anzahl der Wörter pro Satz ist nämlich der konsequent verständliche Satzbau! Mit anderen Worten: auf die Länge eines Satzes kommt es letztlich gar nicht an! So gesehen, dürfen lange Sätze durchaus sein – solange sie verständlich aufgebaut sind und eine ganz bestimmte Regel immer (!) einhalten: die so genannte 3-Sekunden-Regel nämlich.

Was genau besagt die 3-Sekunden-Regel?

Alles, was nicht länger als 3 Sekunden dauert, das erleben wir als gegenwärtig und, was viel wichtiger ist, empfinden wir als zusammengehörig (zur Theorie des Erlebens von Zeit klicken Sie hier!) – folglich muss sich auch das, was in einem Satz zusammengehört und entsprechend als zusammengehörig erkannt werden soll, dem Leser binnen 3 Sekunden erschlossen haben! Klar soweit?

Daraus ergeben sich für uns zwei Fragen:
(1) Wie viele Wörter bzw. Silben kann man in 3 Sekunden lesen?
(2) Auf welche Satzteile konkret sollte die 3-Sekunden-Regel angewendet werden?

Zu (1): 12 Silben bzw. 6-9 Wörter gelten erwiesenermaßen als der Wert für das, was ein deutscher Durchschnittsbürger in 3 Sekunden liest! Diese Kennzahlen sind natürlich Mittelwerte, denn Leser, die hellwach oder hochgebildet sind oder sich neugierig auf ein Thema stürzen, werden ohne weiteres mehr als 6-9 Wörter überbrücken können. Außerdem müssen diese Richtwerte immer auch aus zwei anderen Gründen kritisch betrachtet werden: Erstens können Wörter unterschiedlich lang sein, weshalb auch der Wert 6-9 im Falle einer zu großen Anzahl von Silben schon zu hoch veranschlagt sein könnte; zweitens können die Silben selbst trotz gleicher Anzahl unterschiedlich lang sein und die Wörter, die aus ihnen hervorgehen, entsprechend schwer verständlich. Dies stets berücksichtigend, gelten 12 Silben bzw. 6-9 Wörter allerdings als verlässlicher Wert. 

Zu (2): Der entscheidende Vorteil, den wir uns bei der 3-Sekunden-Regel zunutze machen wollen, ist der geistige Integrations-Mechanismus, der dafür sorgt, dass wir Dinge als zusammengehörig wahrnehmen; daher müssen wir uns fragen, was genau im Satz so eng miteinander verwoben ist, dass diese Regel darauf anzuwenden wäre? Zunächst einmal gilt dieses Prinzip für jede Unterbrechung des Hauptsatzes selbst, das heißt: eingeschobene Nebensätze oder Parenthesen, die den Hauptsatz unterbrechen, sollten eine Länge von 12 Silben bzw. 6-9 Wörter nicht überschreiten – und am besten sowieso vermieden werden; für Nebensätze empfiehlt sich, wie wir schon festgestellt haben, ohnehin die Position hinter dem Hauptsatz. Darüber hinaus sollten im Satz immer möglichst nah zusammenstehen, also nicht weiter als 12 Silben bzw. 6-9 Wörter voneinander entfernt sein:

1. Artikel und Substantiv,
2. Subjekt und Prädikat,

3. die beiden Hälften des Verbs.
 

Merken Sie sich also unbedingt folgende Reihe:
12 – 9 – 3: maximal 12 Silben, maximal 9 Wörter, maximal 3 Sekunden!
Machen Sie die 3-Sekunden-Regel zu Ihrem Heiligen Schreibgesetz!

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