7. Das Problem der Satzkonstruktion (Teil 1):
Klammern Sie die Umklammerung aus!

Jetzt kommen wir zu einer Tücke der deutschen Syntax, die sich grundsätzlich nicht umgehen lässt, weshalb man auch hier gewissenhaft darauf achten sollte, die 3-Sekunden-Grenze nicht zu überschreiten!

Das Problem ist das so genannte Umklammerungsgesetz: Besteht das Verb, wie in über 75% aller Fälle im Deutschen, aus zwei Hälften, dann umklammern diese beiden Hälften in aller Regel das Objekt und die Umstandsangaben; der Linguist spricht hier von linker (LSK) und rechter Satzklammer (RSK), die durch die jeweiligen Teile des Verbs besetzt werden – und dem Mittelfeld, das von den beiden Klammern eingerahmt wird und meistens, aber nicht immer und nicht nur das Objekt und die Umstandsangaben enthält. Wo sich also im Englischen, in den romanischen und den meisten anderen Sprachen jeder Satz frühzeitig zu seiner eigenen Aussage bekennt, muss im Deutschen die erhellende zweite Hälfte des Verbs dummerweise an das Satzende geschoben werden. Mit der folgenden Tabelle kann das Problem der Umklammerung anschaulich demonstriert werden:

Vorfeld

LSK

Mittelfeld

RSK

Nachfeld

Peter

hat

das Buch

gelesen.

 

Später

will

er sich den Film dazu

ansehen,

weil ihm das Buch gefallen hat.

Außerdem

wird

Peter, dem der Film zum Buch außerordentlich gut gefallen hat, obwohl im Film einige seiner Meinung nach wichtige Szenen nicht gezeigt wurden, sich mit Sicherheit auch noch den Film auf DVD

kaufen.

 

Ich

habe

den einzigen Schlüssel zu meinem Auto gestern irgendwo im Wald

verloren.

 

Kurz zur Erklärung: die beiden Verbhälften nehmen immer die Positionen in den Satzklammern ein (außer bei Nebensätzen, dort wird ausschließlich die rechte Klammer besetzt – aber das spielt in unserem Fall jetzt keine Rolle!); im Vorfeld kann immer nur ein Satzglied stehen, im Mittelfeld jedoch beliebig viele. Man sieht schon jetzt: das Problem ist das Mittelfeld, denn wie man schon am dritten Beispielsatz gut sehen kann, kann das Mittelfeld mit beliebig vielen Satzgliedern so lange aufgefüllt werden, bis der Abstand zwischen beiden Satzklammern so groß geworden ist, dass man ihn, ohne zurückzulesen, nicht mehr auf Anhieb überbrücken kann. Man spricht in diesem Fall auch von einer überdehnten Klammer.

Nicht selten begünstigt so eine überdehnte Klammer den Aufbau eines falschen Zwischensinns, ein Missverständnis auf halbem Weg, wenn man so will:

  • Die streikenden Piloten versagten... (nicht doch!) ...dem Vorschlag ihre Zustimmung.

  • Die Kinder schlugen ihren Mitschüler... (typisch!) ...zum Klassensprecher vor.

  • In diesem Augenblick platzte Sebastian, der nur mit Mühe seine Wut gebändigt hatte und mit hochrotem Kopf zitternd vor seinem Bruder stand... (der Arme wird doch nicht?) ...der Kragen.

Zugegeben, in kurzen Sätzen ist die Gefahr eines falschen Zwischensinns eher gering, aber man sieht: je länger ein Satz wird, desto problematischer kann es werden – und für den Leser außerdem umso ärgerlich, insbesondere dann, wenn er zurücklesen muss. Außerdem ist das Problem der Umklammerung akuter, als Sie sich wahrscheinlich vorstellen, zumal die deutsche Grammatik die Verben außerordentlich häufig in zwei Hälften reißt:

  1. in allen zusammengesetzten Tempora:
    ich habe … verloren (Perfekt),
    ich hatte … vergessen
    (Plusquamperfekt),
    ich werde … verreisen
    (Futur) usw.
     

  2. in Verbindung mit Hilfszeitwörtern:
    ich soll … ausrichten,
    du musst ... erledigen usw.
     

  3. sehr häufig auch im Präsens oder im Imperfekt
    – und gerade da bei vielen der schlichtesten und lebendigsten deutschen Wörter:
    ich fange … an,
    ich gebe … auf
    ,
    ich las … vor
    usw.

Vielleicht sagen Sie sich: "Das ist ja alles gut und schön, aber was soll ich jetzt bitte dagegen tun? Ich kann die Grammatik ja schlecht einfach ändern!" Nein, das können Sie freilich nicht, das stimmt. Wohl aber können und sollten Sie auch hier die 3-Sekunden-Regel konsequent anwenden! Vorausgesetzt also beide Satzklammern werden von jeweils einem Teil des Hauptverbs besetzt, sollten Sie im Sinne der 3-Sekunden-Regel versuchen, den Abstand zwischen beiden Klammern nicht größer werden zu lassen als 12 Silben bzw. 6-9 Wörter. Das ist ohne größere Umstände machbar, wenn man sich bemüht, möglichst viele Satzglieder aus dem Mittelfeld herauszunehmen und sie stattdessen hinter die rechte Satzklammer ins so genannte Nachfeld zu schieben. Ein Beispiel:

Vorfeld

LSK

Mittelfeld

RSK

Nachfeld

Außerdem

wird

Peter, dem der Film zum Buch außerordentlich gut gefallen hat, obwohl im Film einige seiner Meinung nach wichtige Szenen nicht gezeigt wurden, sich mit Sicherheit auch noch den Film auf DVD

kaufen.

 

Außerdem

wird

Peter sich den Film sicher auch noch auf DVD

kaufen,

 denn der Film hat ihm gut gefallen, auch wenn er fand, dass...

Hierzu abschließend noch drei Tipps:

  1. Prüfen Sie, ob Sie das zu trennende Verb nicht durch ein unzertrennliches ersetzen können!
    Schreiben Sie z.B. statt:
    Der Aufsatz stellt die Zusammenhänge zwischen … dar
    besser:
    Der Aufsatz behandelt/erörtert/beschreibt die Zusammenhänge zwischen…
    (Haben Sie's gesehen?! Da war es wieder, das böse Germanistenwort darstellen...
    Platt gemacht hab ich das!)
     

  2. Nehmen Sie möglichst viele Umstandsangaben aus der Verbklammer (dem Mittelfeld) heraus und schieben Sie sie ans Ende (ins Nachfeld)! 
    Schreiben Sie statt:
    Wir haben uns in der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen im nächsten Jahr ohne Tränen voneinander verabschiedet
    besser:
    Wir haben uns ohne Tränen verabschiedet, in der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen im nächsten Jahr.
     

  3. Nutze Sie die Chance, die zweite Hälfte des Verbs kühn nach vorne zu ziehen, vor das Objekt und die Umstandsangaben!
    Das ist ein Punkt, an dem sich noch kurz zu verweilen lohnt, denn hier winkt die Chance, dass das Deutsche sich der Wortstellung des Englischen und der romanischen Sprachen nähert, die bisweilen so viel logischer und übersichtlicher, vielleicht auch eleganter ist. Das Verb vor die Umstandsangabe oder das Objekt zu ziehen ist grammatisch erlaubt, meistens schön und nicht selten überaus praktisch – für viele nur ungewohnt. Nutzen Sie die Chance! Beispiele:

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