6. Schreiben Sie für die Ohren!

Der großartige Gotthold Ephraim Lessing schrieb einmal an seine Schwester: "Schreibe, wie du redest, so schreibst du schön." Ähnlich äußerte sich auch Goethe gegenüber seiner Schwester Cornelia: "Schreibe nur, wie du reden würdest, und so wirst du einen guten Brief schreiben." Und Luther schließlich riet ausdrücklich und (wie wir heute wissen) aus gutem Grund, dem Volk "aufs Maul" zu schauen. In der Nachfolge haben Stillehrer aller Dekaden hieraus eine der obersten Regeln guten Stils abgeleitet: Schreibe, wie du sprichst!

Dagegen ist dann nichts einzuwenden, wenn man lebendig sprechen kann – und das auch noch wie gedruckt.
Aber wer kann das schon?

Die grausame Wahrheit ist doch: mit solch einer rhetorischen Brillanz sind nur die wenigsten gesegnet; für die in sprachlicher Hinsicht Sterblichen unter uns kann diese Regel also nur bedingt gelten – genau genommen, ist sie in unserem Fall ungefähr zur Hälfte sogar falsch. Wenn wir sprechen, sind unsere Sätze, sofern sie uns überhaupt komplett und grammatisch korrekt über die Lippen kommen, voll mit Verlegenheitsfloskeln und Füllwörtern, durchzogen von spontanen Gedanken oder Ideen – und von umgangssprachlicher Färbung sowieso. Das ist völlig normal und absolut in Ordnung, aber so sollte man doch lieber nicht schreiben!

Trotzdem sollten Sie beherzt versuchen, die Vorzüge des Mündlichen in die Schrift zu übernehmen: das Frische, das Spontane, das Ungekünstelte – ganz besonders das Ungekünstelte! Denn nichts ist schlimmer als der Umstand, dass viele, wenn sie schreiben (müssen), unwillkürlich Haltung anzunehmen scheinen, abstruse Wörter und Bilder an den Haaren herbeiziehen und mehrfach ineinander geschlungene Satzgebilde konstruieren, zu deren Entwirrung mehrfarbige Kugelschreiber mitunter hilfreich wären.

Immer dann also, wenn sich in Ihnen auch nur der bloße Verdacht zu regen scheint, einen in Wortwahl oder Bau unnatürlich klingenden Satz gezimmert zu haben, denken Sie an Luther, Goethe und Lessing – und überlegen Sie, ob Sie das, was Sie da geschrieben haben, auch in einem Gespräch mit Ihrem Nachbarn, Ihren Freunden oder Ihren Kollegen so sagen würden? Fragen Sie sich immer wieder: Sagt man das so? Würde ich das so sagen? Klingt das richtig? Vielmehr: klingt das natürlich? Sollte dies nicht der Fall sein, überlegen Sie nicht lange, zögern Sie noch nicht einmal – formulieren Sie diesen Satz sofort und auf jeden Fall noch einmal neu! Suchen Sie dabei stets die Nähe zum Mündlichen, kultivieren Sie dabei aber auch liebevoll die Vorzüge unserer Schriftsprache. Meiden Sie die Extreme, die Wahrheit liegt in der Mitte. Wie fast immer im Leben!

Vielleicht sagen Sie ja jetzt: "Das klingt mir alles zu theoretisch und zu nichtssagend! Zu nahe am Mündlichen darf es nicht sein, zu nahe am Schriftlichen erst recht nicht. Wie finde ich denn jetzt beim Schreiben diese Goldene Mitte, von der immer die Rede ist?" Ganz einfach eigentlich: ersetzen Sie das das alte Schreibe, wie du sprichst! durch die recht einprägsame (und für mich absolut fundamentale) Regel Schreibe für die Ohren! Die Qualität Ihrer Texte können Sie nämlich am besten prüfen, indem sie laut lesen, was Sie geschrieben haben. Es ist überraschend heilsam, das Geschriebene dem Gehörtwerden auszusetzen: Kleine Unebenheiten, über die der schweigende Leser hinwegliest, erweisen sich als Stolpersteine, Füllwörter und ungewollte Wiederholungen stellen sich plötzlich borstig auf, bei hölzernem Satzrhythmen kracht es hörbar, und Ihr keuchender Atem wird jeden langatmig geratenen Schachtelsatz schonungslos entlarven. Was die Flüssigkeit von Formulierungen und den allgemeinen Sprachfluss angeht, ist das laute Lesen somit die Wunderwaffe schlechthin!
Die Zunge ist ein schärferer Kritiker als das Auge: Was sich flüssig sprechen lässt, liest sich auch gut. Umgekehrt ist das leider nicht der Fall.

Noch einmal fürs Protokoll: Schreiben Sie für die Ohren! Und lesen Sie laut, was Sie geschrieben haben!
Vertrauen Sie mir – Sie werden Bauklötze staunen!

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