7. Sie müssen feilen, feilen, feilen!


Etwa drei Viertel seiner gesamten literarischen Tätigkeit, soll Fontane gesagt haben, seien das Korrigieren und Feilen am Manuskript gewesen! Und, so ergänzt er sinngemäß, vielleicht sei das sogar noch untertrieben. Fontane war diesbezüglich mitnichten eine Ausnahme oder gar ein Sonderfall: Bei fast allen großen Schriftstellern sehen die überlieferten Manuskripte aus wie Schlachtfelder, kaum ein Wort des ursprünglichen Textes haben sie stehen lassen. Und das immer aus gutem Grund!

Unter den Stillehrern aus aller Herren Länder herrscht daher im Grunde uneingeschränkt folgender Konsens: All jene, die schreiben müssen, auf jeden Fall aber die, die schreiben wollen, sollten mindestens die Hälfte ihrer Zeit, wenn nicht noch mehr, auf den wichtigsten (!) Teil der Schreibarbeit verwenden: dem Basteln und Feilen am Manuskript – der eigentlichen Arbeit, die dann beginnt, wenn die erste Niederschrift beendet ist.

Machen wir uns nichts vor, die erste Fassung eines Textes ist immer schlecht! Einen guten Stil kann nur schreiben, wer seinen Text wieder und wieder auf Fehler durchsieht und ihn unermüdlich verbessert, umgießt, neu schreibt. So viel steht fest: den Text zu überarbeiten, ist unentbehrlich – und unentbehrlich für diese Arbeit ist das laute Lesen (vgl. 6). Außerdem empfiehlt sich Folgendes:

  • Am wichtigsten ist es, zuerst einmal möglichst viel Distanz zum eigenen Text zu schaffen, damit man sich später unvoreingenommen und einigermaßen sachlich mit ihm auseinandersetzen kann; deshalb sollte man seine Arbeit eine Zeit lang liegenlassen. Wie lange? Nun ja, dafür gibt es keine Regel - manchmal reichen drei Tage, manchmal reichen drei Jahre nicht. Worauf es ankommt, ist, dass man vergisst, was man gemeint hat, um lesen zu können, was man tatsächlich geschrieben hat. Je größer also die zeitliche Distanz zum Selbstgeschriebenen ausfällt, desto unbefangener, freier und frischer wird man sich dessen wahrscheinlich wieder annehmen können. Im Idealfall legt man seine Arbeit in eine Schublade und vertraut auf das Sprichwort: Aus den Augen, aus dem Sinn! Glauben Sie mir, die Zeit kann auch mit Texten wahre Wunder verrichten.

Lassen Sie also etwas Zeit vergehen...
Dann erst legen Sie los: Lesen Sie laut, was Sie geschrieben haben!

  • Überprüfen Sie Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik.
    Scheuen Sie im Zweifelsfall auf keinen Fall den Griff zum Wörterbuch oder einem anderen Nachschlagewerk.

  • Überarbeiten Sie konsequent den ganzen Text entsprechend der Vorgaben für Wortwahl und Satzbau.

  • Alle Stellen, die in Ihnen den bloßen Verdacht wecken, in ihrer Sprache zu gekünstelt, in ihrem Satzbau zu konstruiert oder in ihrer Wortwahl zu absonderlich zu sein, markieren Sie sofort (z.B. mit roten Schlangenlinien)! Zögern Sie nicht, seien Sie versichert: Wenn es Ihnen irgendwie falsch vorkommt, dann ist es "falsch"! Halten Sie sich damit aber nicht auf - die schwierigen Aufgaben lösen Sie später, wenn der Rest erledigt ist und Sie mehr Zeit und Muße haben, die harten Nüsse zu knacken.

  • Prüfen Sie den logischen und dramaturgischen Aufbau Ihres Textes.

  • Kehren Sie zu den markierten Stellen zurück, den Problemstellen, und überarbeiten Sie diese mit großer Aufmerksamkeit, Sorgfalt und Geduld. Wenn einmal gar nichts mehr zu helfen scheint, streichen Sie die betreffenden Passagen komplett aus Ihrem Text, und schreiben Sie sie neu.

  • Wenn Sie fertig sind, lesen Sie alles noch einmal laut!

  • (In Notfällen müssen Sie mit der ganzen Prozedur wieder von vorne beginnen.)

Das alles klingt in Ihren Ohren wahrscheinlich mühsam und zeitaufwendig – und wissen Sie was? Das ist es auch! Aber bei allen Texten, die Sie für wichtig halten, sollten Sie trotzdem so oder wenigstens ähnlich verfahren. Wenn Sie nach all der Mühe Ihren Text immer noch missraten finden, greifen Sie zum letzten Mittel: Schreiben Sie ihn komplett neu, ganz von vorne. Die verworfene Fassung sollten Sie in solchen Fällen nur noch verwenden, um sich gelegentlich daran zu orientieren.

Noch etwas: gut überarbeitet ist ein Text nur dann, wenn die Endfassung kürzer ist als die Erstfassung. Mit einem guten Textverarbeitungsprogramm lässt sich das heutzutage leicht feststellen, das zählt Ihnen binnen Sekunden sämtliche Wörter. Als Faustregel gilt hier: Anzahl der Wörter minus 10 Prozent. Wenn also Ihre Erstfassung beispielsweise 2.300 Wörter lang ist, darf die endgültige Fassung nicht länger als 2.070 Wörter lang sein (und wenn Sie Ihre Arbeit besonders gut gemacht haben, ist sie nicht länger als 2.000 Wörter). Wer die 10 Prozent nicht schafft, hat sich nicht genug angestrengt! Seien Sie auch hier unerbittlich: Anzahl der Wörter minus 10 Prozent!

Letzten Endes ist wichtig und entscheidend, dass der geschriebene Text wie aus einem Guss wirkt. Seine Geburtswehen und Kinderkrankheiten hat er tunlichst zu verschweigen. Jeder gute Text wird Ihnen viel, viel Arbeit und hin und wieder auch Ärger machen – aber nichts davon darf der Leser merken. Oder um es abschließend mit einem meisterlichen Ausspruch Goethes auf den Punkt zu bringen: "Ich künstle so lange an meinem Stil herum, bis er natürlich wird."

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