Einleitung

Lesen und Schreiben gelten in unserer Gesellschaft als Schlüsselkompetenzen.
Lesen und Schreiben sind deshalb selbstverständlich.

Und dennoch: Wer hat noch nie einen Text in der Hand gehabt, an dem er nicht fast verzweifelt wäre? Den man am liebsten weggelegt hätte, weil man kein Wort darin zu verstehen schien? Nicht selten begleitet so einen Moment der irritierende, irgendwie unwirkliche Gedanke: Aber das ist doch deutsch! Und ich kann Deutsch! Wieso verstehe ich das dann nicht? Das liegt daran, dass ein Text, nur weil er in der gleichen Sprache wie der des Lesers geschrieben ist, nicht zwangsläufig auch verständlich geschrieben sein muss.

Das Gegenteil ist nämlich oft der Fall – und keineswegs, wie man annehmen möchte, allein in wissenschaftlichen Fachtexten: In Behörden- und Geschäftsbriefen, firmeninternen Rundschreiben, Gebrauchsanweisungen, Verträgen, ja selbst in Büchern, Zeitungs­artikeln und privater Korrespondenz wimmelt es bisweilen von Texten, die durchtränkt sind von Behörden- und Zunftjargon, Fachchinesisch und kunstvoll aufgeblasenen, dabei mehrfach ineinander geschlungenen Sätzen, zu deren Entwirrung mehrfarbige Kugelschreiber manchmal hilfreich wären. Und selbst – oder besser: gerade in Fachtexten, wissenschaftlichen zumal, ist das nicht anders, im Gegenteil. So hat man schon Professoren klagen hören über Fachliteratur, die „kein Schwein lesen könne.“ 

Der Bedarf an Auseinandersetzung mit schwierigen Texten, besonders unter dem Aspekt ihrer Verständlichkeit, ist wohl ohne Zweifel vorhanden in unserer Gesellschaft, in der man als Laie nur noch schwer Zugang findet zu fach- bzw. gegenstandspezifischen Texten. Die Themen Textverstehen und Textverständlichkeit gelten daher schon seit den 70er Jahren in der Linguistik als „Klassiker“, aber auch in angrenzenden Wissenschaften hat man sich um diese Themen bemüht: etwa in der Psychologie. Speziell die Text­verständlichkeit hat in diesem Zusammenhang untersucht, welche Texteigenschaften die Verständlichkeit eines Textes erleichtern bzw. erschweren – und daraus abgeleitet, wie man einen Text optimieren kann!1 Denn jeder, der in der Schule, im Privaten oder im Beruf einen Brief, eine Stellungnahme, ein Sitzungsprotokoll, einen Vor- oder Beitrag oder ein anderes Schriftstück überarbeitet (oder ihm etwa am PC eine neue Form gibt), muss auch Textoptimierung betreiben – ganz zu schweigen von den professionellen Schreibern, als da wären: Schriftsteller, Journalisten, Redakteure, Autoren, Übersetzer usw.2

Diese Arbeit widmet sich den Erkenntnissen der psychologischen Verständlichkeitsforschung und den praktischen Konsequenzen, die sich aus ihr ergeben. Die ersten beiden Teile sollen einen groben Abriss der Verständlichkeitsforschung selbst besorgen, dabei werden die Lesbarkeitsforschung und zwei unterschiedliche Modelle der Verständlichkeitsforschung in den Mittelpunkt gestellt. Auf der Grundlage dieser Modelle können für die Schreibpraxis wichtige Optimierungstechniken empirisch bestimmt werden, durch die sich die Verständlichkeit eines Textes nachweislich erhöhen lässt – diese Techniken werden Gegenstand des dritten Teils dieser Arbeit sein. In diesem Zusammenhang wird die Arbeit auf ganz spezielle Probleme der praktischen Satzgestaltung stoßen, für die eine praktikable Lösung im vierten Teil der Arbeit vorgeschlagen werden soll; dazu wird zunächst ein kurzer theoretischer Exkurs nötig sein, bevor wieder an das eigentliche Problem angeknüpft werden kann. Die Vorschläge, die in dieser Arbeit gemacht werden, verstehen sich allerdings keineswegs als Ersatz für das, was die Verständlichkeitsforschung schon geleistet hat, im Gegenteil: sie sollen vielmehr das, was an Empfehlungen schon vorhanden ist, ergänzen.

 

 

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1

Vgl. Marcus Wetzchewald: Textverstehen und Textverständlichkeit. Theorie und Praxis. URL: http://www.linse.uni-essen.de/esel/verstaendlichkeit/index.html, eingestellt 2002. Stand: 14.08.2006. Im Folgenden abgekürzt mit Wetzchewald 2002. 

2

Vgl. Textoptimierung. Das Verständlichermachen von Texten als linguistisches, psychologisches und praktisches Problem. Hg. v. Gerd Antos und Gerhard Augst. Frankfurt/Main 1992, S. 2. Im Folgenden abgekürzt mit Antos/Augst 1992.

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