3.4.1 Nur gute Worte

Hier sei an erster Stelle erneut an die „historisch grundlegenden“ Erkenntnisse der Lesbarkeitsforschung erinnert – die selbstverständlich später auch in Grundzügen für die Satzgestaltung gelten werden. Für die verständlichere sprachliche Gestaltung eines Textes empfiehlt sich der Gebrauch (1) kurzer, geläufiger und (2) konkreter bzw. anschaulicher Worte.1

Zu (1): Kurz sollten die verwendeten Wörter sein, weil kurze Worte in aller Regel die häufigsten Worte einer Sprache sind – außerdem erfüllen sie das Gleichgewicht zwischen „der Tendenz, sich kurz zu fassen, und der Tendenz, sich verständlich zu machen“2 (deshalb sagen und schreiben wir Auto und nicht Automobil); geläufig sollten sie sein, weil geläufige und deshalb auch häufig genutzte Wörter verständlicher sind als seltene bzw. eventuell nur teilweise oder gar nicht bekannte Wörter (experimentell konnte nachgewiesen werden, dass die kognitive Verarbeitung seltener Worte eindeutig länger dauert als die geläufiger Worte). Auch die Stillehren, klassische und moderne gleichermaßen (Letztere mit ausdrücklicher Würdigung der Verständlichkeitsforschung) empfehlen, ja fordern den Gebrauch kurzer und geläufiger Worte, mehr noch: für Stillehrer gilt ein Text erst dann als gut, wenn er schlank, eingängig und frei ist von allem Überflüssigen – und das ist ihrer Meinung nach dann der Fall, wenn man nichts mehr streichen kann, weder Wörter noch Silben:3

Kraftvolle Sprache ist kurz und bündig. Ein Satz darf kein unnötiges Wort enthalten, ein Absatz keinen unnötigen Satz – aus demselben Grund, aus dem eine Zeichnung keine unnötigen Linien und eine Maschine keine unnötigen Teile enthält. Das erfordert nicht, daß der Schreiber nur kurze Sätze bildet oder Einzelheiten wegläßt oder seinen Gegenstand nur in Umrissen darstellt – sondern daß jedes Wort etwas zu sagen hat.4

Die Regeln, Prinzipien und Vorschläge hierfür sind Legion, genauso die Fülle an Beispielen, die man anführen könnte. Da eine vollständige Darstellung im Rahmen dieser Arbeit jedoch unmöglich ist, sollen hier nur ein paar der grundsätzlichsten Empfehlungen beispielhaft vorgestellt werden. Diese Empfehlungen betreffen besonders die beiden Wortgruppen der Verben und Substantive: Wichtig gilt der Verzicht auf überflüssige Silben nämlich vor allem bei den Verben (Bsp.1), für Substantive gilt das aber nicht minder, besonders im Falle so genannter „Blähwörter“, „Begriffsschlangen“ oder „Wortdreimaster“, die im Ruf stehen, jedem Text zwar mehr Fülle (und somit mutmaßlich mehr Bedeutung) zu verleihen, sich aber nur wie schwerfällig Silbenschleppzüge bewegen, „wo der Leser ein flottes Boot vorziehen würde“5 (Bsp.2); und wie Beispiel 3 zeigt, empfiehlt es sich auch hin und wieder, selbst gängigen, aber unnötig aufgeblasenen Redewendungen mit der Nadel auf den Leib zu rücken.

Beispiel 1
- wer absinkt, ertrinkt nicht schneller als jemand, der sinkt (Silbenverhältnis 2:1)
- wer einsparen muss, hat nicht mehr zu entbehren als einer, der sparen muss (3:2)
- wer anfragt, gibt sich nicht interessierter als jemand, der fragt (2:1) usw.

Beispiel 2
- Problemstellung statt Problem oder Fragestellung statt Frage
- Räumlichkeit statt Raum
- Sitzgelegenheit statt Stuhl, Sessel oder Sofa usw.

Beispiel 3
- statt zum jetzigen Zeitpunkt einfach jetzt
- statt zu einem späteren Zeitpunkt schlicht später
- statt aus diesem Grunde besser daher oder deshalb
- statt ein Ding der Unmöglichkeit schlicht unmöglich usw.

Weitere Ratschläge betreffen unter anderem das Streichen von Füllwörtern, Floskeln, überflüssigen Beiwörtern (Bsp.4), unnötigen Silben sowieso, umständlichen und wenig aussagekräftigen Verben (Bsp.5) oder anderen Wörtern, die jedem Satz zusätzliches Gewicht, aber deshalb nicht automatisch mehr Bedeutung verleihen (Bsp.6).

Beispiel 4
- nähere Einzelheiten, seltene Raritäten, andere Alternativen, neue Innovationen
- restlos überzeugt sein (wer überzeugt ist, muss es restlos sein, sonst ist er nicht überzeugt)
- auch: Zukunftsprognosen und Hauptprotagonist usw.

Beispiel 5
- zum Ausdruck bringen statt sagen oder ausdrücken
- in Erwägung ziehen statt erwägen oder überlegen
- in Empfang nehmen statt empfangen oder begrüßen usw.

Beispiel 6
- Bitte führen Sie eine Streichung aller unnötigen Wörter durch,
statt: Bitte streichen Sie alle unnötigen Wörter.
- Die Korrektur Ihrer Arbeit erfolgt aus diesem Grunde zu einem späteren Zeitpunkt,
statt: Ich korrigiere Ihre Arbeit daher später.
- usw.

Zu (2): Konkret und anschaulich sollten die verwendeten Wörter sein, weil zu solchen Wörtern schneller anschauliche Vorstellungen oder Bilder entwickelt werden können als zu abstrakten Wörtern – und zwar deshalb, weil die Informationen „in redundanter Weise, nämlich bildlich und verbal codiert und verarbeitet [werden].“6 Als ein Spezialproblem des Aspekts von Konkretheit und Anschaulichkeit gilt auch die beispielhafte Erläuterung eher abstrakter Konzepte, Hypothesen usw., wie sie besonders in wissenschaftlichen Arbeiten ja gang und gäbe sind:

Ein solcher verständnis- und lernerleichternder Effekt von Beispielgebung ist durchaus empirisch zu sichern, doch ist darauf zu achten, daß die Struktur des Beispiels der konzeptuellen Struktur des generellen, abstrakten Begriffs, der Behauptung, Hypothese etc. möglichst vollständig entspricht.7

Hinsichtlich des Aspekts der Anschaulichkeit sind sich die Stillehren mit der Verständlichkeitsforschung ebenfalls eins: Weg vom Allgemeinen oder Abstrakten – stattdessen gilt es, stets anschaulich, bestimmt und konkret zu sein. Vor unnötiger (!) Abstraktion wird ausdrücklich gewarnt. Unüberlegt verwendet, gilt sie als bequem, denn obwohl sie gebildet klingt oder wenigstens Bildung suggeriert (schließlich klingt Windkraftwerke nicht halb so imposant wie alternative Technologien), erspart sie doch jedem Schreiber detailliertes Wissen (wer eine Amsel nicht von einer Meise unterscheiden kann, ist natürlich froh, dass es das Wort Vogel gibt). In diesem Sinne fordern die Stilkunden kompromisslos anschauliche, konkrete und möglichst kurze Wörter – Wörter, die „Hände und Füße haben“, wie Luther es verlangte. Wörter, die dem Leser „etwas zu sehen, hören, greifen, zu schmecken und zu riechen geben.“8

Beispiel 7
- statt Informationsdefizit schreibe man besser Wissenslücke (9:4)
- statt Gefährdungspotential besser Risiko (7:3)
- statt öffentlicher Personennahverkehr einfach Bus, U-Bahn oder Taxi
- statt Unterbringung besser Hotel oder Pension usw.

Im Sinne des von Groeben geforderten Mittelmaßes an Verständlichkeit allerdings ist die Anwendung allein kurzer und geläufiger Wörter zu relativieren: Um das Interesse und die Motivation des Lesers vor allem bei längerer Beschäftigung mit einem Text nicht zu vernachlässigen, können und sollten hin und wieder auch weniger bekannte Wörter für einen „höheren Interessantheitswert“ sorgen,9 solange die Verständlichkeit des Textes nicht erheblich darunter leidet. Gewiss wird man auch mit dem konsequentesten Gebrauch von ausschließlich einfachen und anschaulichen Wörtern früher oder später an eine nicht mehr zu überwindende Grenze stoßen: von einem Naturwissenschaftler etwa wird man nicht erwarten, dass er einem die komplexen Gesetzmäßigkeiten moderner Physik transparent und anschaulich erklärt – das es aber im Bereich des Möglichen liegt, beweisen die (zugegeben: populärwissenschaftlichen) Arbeiten Stephen Hawkings (z.B. Eine kurze Geschichte der Zeit oder Das Universum in der Nussschale), um nur ein Beispiel zu nennen. Die strenge Haltung der Stillehrer indes mag zunächst extrem erscheinen – aber sie kann meines Erachtens und meiner Erfahrung nach sensibilisierend wirken, weil sie den sonst eher arglosen Umgang mit der Wortwahl verbessert und dabei das Gespür für gute, anschaulichere und treffendere Wörter schärft.

 

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1

Vgl. Groeben/Christmann 1989, S. 177.
2 Groeben 1982, S. 223.
3 Vgl. Reiners 1963, S. 67-73, 136 f., 178-192; ferner exemplarisch Schneider 2003, S. 61-84, Schneider 2005, S. 131-171 und Schlote 2004, S. 45-73.
4 William Strunk, zitiert in Schneider 2003, S. 84.

5

Schneider 2003(2), S. 41.
6 Ebd., S. 226 (Hervorhebung von mir).
7 Ebenda.
8 Schneider 2003, S. 79.
9 Vgl. ebd., S. 225.

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