3.4.2 Sätze mit dem Lineal

Abgeleitet aus den Ergebnissen der Lesbarkeitsforschung, hermeneutischen Stilforschung und aus psychologischen Befunden zur Satzverarbeitung, erweisen sich für eine möglichst verständliche Satzgestaltung, um es zusammenfassend vorwegzunehmen, folgende Textgestaltungstechniken als förderlich: die Verwendung kurzer Satzteile und/oder Sätze, außerdem der Verzicht auf Satzschachtelungen, Nominalisierungen, verwirrende Negativ-Formulierungen und das Passiv.1 Ältere Stilkunden haben auf diese Ratschläge schon im Ansatz hingewiesen, und die modernen deutschen Stilkunden haben sie von der Verständlichkeitsforschung ausnahmslos und fast unverändert übernommen.2

Zu den beiden letzten Punkten: Psycholinguistische Untersuchungen haben gezeigt, dass Sätze in der Tat umso schwieriger verstanden werden, je mehr Transformationsleistung nötig ist, um bestimmte syntaktische Oberflächenstrukturen aus „tiefenstrukturellen Kernsätzen“ zu erzeugen – die Tiefenstruktur eines jeden Satzes, wie sie von der „Grammatik im unserem Kopf“ zunächst generiert wird, ist nämlich, sehr vereinfacht dargestellt, der eines einfachen aktiv formulierten Aussagesatzes schon ziemlich ähnlich, bevor weitere Transformationen aus dem „einfachen“ Aussagesatz zum Beispiel einen Frage- oder Passiv-Satz generieren.3 Für die praktische Anwendung ist daher wichtig zu wissen und zu beachten, dass Aktivsätze generell besser verstanden und be­halten werden als Passivsätze – und Passivsätze wiederum werden leichter verarbeitet als verneinte Passivsätze usw.

Insgesamt ergab sich folgende Rangfolge der Schwierigkeit von grammatikalischen Satztransformationen: [1.] aktiv-deklarative Sätze, [2.] Frage-, [3.] Passiv-, [4.] Negativ-, [5.] negative Frage und [6.] negativ-passive Fragesätze.4

In der Konsequenz bedeutet das, Sätze möglichst aktiv zu formulieren und Passiv zu vermeiden – genauso: positiv schreiben und Verneinung vermeiden. Die Stilkunden wettern freilich nicht auf psycholinguistischer Basis gegen das Passiv, aber auch sie haben gute Gründe, jede Passivformulierung in Frage zu stellen: Das Passiv gelte als eine späte, künstliche, gleichsam entmenschlichte Form des Verbs, in Dialekten selten oder unbekannt und Kindern erst spät zugänglich; es sei ein Werkzeug des Befehls („Jetzt wird geschlafen!“), der Liebling aller Behörden („Sie werden hiermit aufgefordert,…“) und das gängige Vehikel aller Gebrauchsanweisungen und Kochrezepte. Grundsätzlich, so wird geraten, solle man es daher vermeiden. Passive Verben sind nur in wenigen Fällen sinnvoll, denn sie haben den zusätzlichen Nachteil, zum Verstecken der handelnden Person einzuladen. Zulässig wäre das Passiv daher nur dann, wenn die handelnde Person den Leser nicht zu interessieren braucht („der Bahnhof wird um Mitternacht geschlossen“) oder wenn übermenschliche Kräfte wüten („der Staudamm wurde weggerissen“).5

Auch Nominalisierung (Substantivierung von Verben) wirkt gehäuft maßgeblich verständlichkeitsbelastend, schon allein deshalb, weil aus der Verwandlung der Verben in der Regel relativ abstrakte Substantive hervorgehen, unter denen die Anschaulichkeit dann immer auch entsprechend stark leidet. Aus Sicht der zeitgenössischen Stillehren verursacht Substantivierung fast immer Texte, die trocken und schwerfällig, steif und bürokratisch sind – und die daher kein Mensch gerne liest.6 Aber auch Ludwig Reiners hat seinerzeit schon heftig „wider die Hauptwörterei“ als eine „Sprachkrankheit“ gewettert, „die sich tief eingefressen hat, so tief, daß sie nicht leicht zu überwinden ist.“7 Wer elegantes und interessantes Deutsch schreiben will, da sind die Stilkunden sich einig, der sollte jedes Substantiv, das durch ein Verb ersetzt werden kann, ohne Zögern auch ersetzen. Also nicht: „Wir haben eine Terminverschiebung beantragt,“ sondern besser: „Wir haben beantragt, den Termin zu verschieben.“ Wer namentlich für Substantivierung argumentiert, tut dies für gewöhnlich mit der Begründung, es sei sprachlich ökonomischer, nach dem Motto: möglichst viele Informationen in möglichst wenige Worte packen. Eine solche Haltung ist meines Erachtens akademisch im schlechteren, hässlich im stilistischen, rück­sichtslos im leserorientierten und unvorteilhaft im eigenen Sinne. Wer sich abmüht, 10 kluge Gedanken in 4 aufgeblähte Substantive zu packen, riskiert, dass nicht einmal die Hälfte seiner Informationen beim Leser ankommt. Ent­sprechend rät auch die Verständlichkeitsforschung ausdrücklich, Nominalisierung möglichst zu vermeiden und besser in kurze Satzteile umzuwandeln, weil sich Nominalisierungen immer als schwerer verständlich und lernbelastender erwiesen haben als vergleichbare und – im günstigen Fall: aktive (Neben-)Sätze.8

Bleibt das Problem verständlicher Sätze selbst: Dass sich Satzschachtelungen „eindeutig verständlichkeitserschwerend“9 auswirken, liegt auf der Hand – weshalb umso erstaunlicher ist, mit welcher Regelmäßigkeit und Hartnäckigkeit sie von vielen Schreibern, ob öffentlich oder privat, eben nicht vermieden werden. Einfache, linear und klar gebaute Sätze sind mitunter rar, und das, obwohl sie auch nach den Erkenntnissen der Verständlichkeitsforschung eindeutig besser verstanden und behalten werden als die komplizierten Gefüge aus Haupt- und Nebensätzen, Relativsätzen und Parenthesen. Der Schachtelsatz kann, vereinfacht, aber anschaulich dargestellt, in zwei Formen auftreten:

  1. als lang gestreckter Hauptsatz, der immer wieder durch Nebensätze unterbrochen wird, man spricht dann von einer Satzgirlande.
    Beispiel: Das Haus, das an der Straße nach Mannheim liegt, wird, noch bevor der Frost einsetzt, abgerissen. Diese noch „harmlose“ Variante des Schachtelsatzes lässt sich durch Einschachtelung des zweiten Nebensatzes in den ersten  steigern, und damit gelangt man automatisch zur zweiten Variante des Schachtelsatzes:
     

  2. als Schachtel in der Schachtel.
    Beispiel: Das Haus, das an der Straße, die nach Mannheim führt, liegt, wird abgerissen. Der Anzahl von ineinander „geschachtelten Schachteln“ ist in syntaktischer Hinsicht keine Grenze gesetzt, selbst drei oder mehr Schachteln sind möglich: Die Häuser, die sich an dem Weg, der von dem Platz, der vor dem Rathaus liegt, abgeht, befinden, werden abgerissen. Wer aber so einen (zugegeben: konstruierten) Satz liest und verstehen will, wird mit Sicherheit mindestens ein zweites Mal ansetzen müssen, um alle Nebensätze entwirren und in ein logisches Verhältnis zum Hauptsatz bringen zu können.

Übereinstimmend zeigen auch die Stilkunden mit Schachtelsätzen keinerlei Erbarmen: Völlig gleichgültig, ob ein Schachtelsatz zwei oder drei ineinander verschränkte Nebensätze enthält oder sich als kommafreie Klemmkonstruktion tarnt (die an dem vor dem Rathaus liegenden Weg befindlichen Häuser) – Schachtelsätze gehören ihrer Ansicht nach konsequent entwirrt, zerschlagen, notfalls gesprengt. An ihre Stelle gehören gerade, linear gebaute Sätze. Besonders Hauptsätze sollten so weit wie möglich ausgereizt werden, Nebensätze in Hauptsätze verwandelt werden und sonst eine Ausnahme bleiben, außer sie haben eine erläuternde Funktion und transportieren nicht die relevanten Informationen. Und falls Nebensätze doch nötig sein sollten, gilt als der typische, schlechthin erwünschte Platz des Nebensatzes die Position hinter dem Hauptsatz.10

Außer ihrer Konstruktion spielt aber auch die Länge der Sätze eine entscheidende Rolle: Wie sich empirisch gezeigt hat (und auch schon von der Lesbarkeitsforschung ermittelt wurde), kann eine ungünstige Satzlänge einen verständlichkeitserschwerenden Effekt nach sich ziehen, zumindest werden kurze Sätze eindeutig besser verstanden und behalten als längere Sätze.11 Daraus haben die Stillehrer der letzten Jahrzehnte unter Berufung auf die Verständlichkeitsforschung die schlichte Regel gemacht: Machen Sie kürzere Sätze! Und selbst Ludwig Reiners forderte seinerzeit schon, den eigenen Stil mit dem „Zollstock“ zu prüfen.12 Kurze Sätze haben den Stilkunden zufolge zwei besondere Vorzüge: erstens sind sie an Prägnanz und Verständlichkeit für den Leser kaum zu übertreffen, zweitens zwingen sie den Schreiber, sich einer strikten Disziplin zu unterwerfen und seine Gedanken zu ordnen. Kurze Sätze sind verständlicher und lesen sich angenehmer als lange Sätze – jedenfalls als solche, die verschachtelt und überfrachtet sind. Ein Optimum an eingängigem und verständlichem Deutsch erreiche man, so das Fazit, aber nicht allein durch die Häufung ausschließlich kurzer Sätze – sondern vielmehr durch den lebhaften Wechsel von „mäßig kurzen und mäßig langen“ Sätzen.13

 

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1

Vgl. Groeben/Christmann 1989, S. 171.
2 Vgl. Reiners 1963, S. 41 ff., S. 93-122, S. 220 f.; ferner exemplarisch Schneider 2003, S. 155-218, Schneider 2005, S. 55-129 und Schlote 2004, S. 74-88.
3 Streng genommen wird die Tiefenstruktur eines Satzes durch eine Verbalphrase (eine semantische Argument- und Prädikatstruktur) repräsentiert – und nicht durch einen Satz selbst; erst durch verschiedene Anhebungen und Bewegungen wird nach der Theorie moderner generativer Grammatiken die Verbalphrase (Tiefenstruktur) zum Satz (Oberflächenstruktur) (vgl. Patrick Brandt u.a.: Sprachwissenschaft. Ein roter Faden für das Studium. Köln 1999, S. 63 f.).
4 Savin/Perchonock, zitiert in Groeben/Christian 1989, S. 178 (Nummerierung in Klammern von mir).

5

Vgl. Reiners 1963, S. 41 ff., Schneider 2003, S. 71 und Schlote 2004, S. 55 f.
6 Vgl. Schneider 2003, S. 73 f., Schneider 2001, S. 58 f. und Schlote 2004, S. 54 f. 
7 Reiners 1963, S. 85.
8 Vgl. Groeben/Christmann 1989, S. 179, ferner Groeben 1982, S. 232 f.
9 Groeben/Christmann 1989, S. 178. Zur Schwierigkeit von Schachtelsätzen vgl. auch Groeben 1982, S. 232. 
10 Vgl. Reiners 1963, S. 93-106; ferner Schneider 2003, S. 155-218, Schneider 2005, S. 55-130 und Schlote 2004, S. 74-87.
11 Vgl. Groeben/Christmann 1989, S. 179.
12 Vgl. Reiners 1963, S. 220 f.
13 Vgl. Schneider 2001, S. 89-96, Schneider 2003, S. 192-198 und Schlote 2004, S. 75-87.

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