4.1 Theoretisches über die Zeit

Wie kommt der Mensch zur Zeit? Und wie erlebt er Zeit? Es mag zunächst so scheinen, als streifte diese Fragen ein wenig der Windhauch des Philosophischen – Ernst Pöppel jedoch zeigt in seinem Buch Grenzen des Bewußtseins, dass dies keineswegs der Fall sein muss. Zeit – genauer: das Erleben von Zeit ist eng verbunden mit fest verankerten Mechanismen in unserem Gehirn, und diese Mechanismen können zum Teil beschrieben, erklärt und sogar gemessen werden.

Es lassen sich nach Pöppel elementare Zeiterlebnisse formulieren, die hierarchisch aufeinander bezogen sind, das heißt: die jeweils höhere Stufe setzt die untere Stufe immer voraus, muss aber um etwas Neues ergänzt werden. Auf der untersten Stufe dieser Hierarchie finden sich Mechanismen, die es uns ermöglichen, Ungleichzeitiges von Gleichzeitigem zu trennen, weitere elementare Phänomene des menschlichen Zeiterlebens sind: das Erlebnis der Aufeinanderfolge (oder der zeitlichen Ordnung), das Erlebnis der Gegenwart (oder des Jetzt) und das Erleben von Dauer.1 Jedes später genannte Zeiterlebnis setzt die zuvor genannten voraus: dass man zum Beispiel eine Folge von Ereignissen überhaupt als Folge erlebt, setzt die Ungleichzeitigkeit dieser Ereignisse voraus. Vergangenheit und Zukunft sind uns über das Gedächtnis zugänglich; dass wir also etwas über die Vergangenheit wissen und Vermutungen (oder Gewissheiten) über die Zukunft äußern können, hängt ganz entscheidend davon ab, ob wir auf ein funktions­fähiges Gedächtnis zurückgreifen können, das entsprechende Informationen für uns bereithält.2

Interessieren soll uns an dieser Stelle und für die weiteren Überlegungen dieser Arbeit aber nur der Moment der Gegenwart, des Jetzt. Was ist das, die Gegenwart? Das Jetzt? Das in diesem Augenblick? Wenn wir ein Bild anschauen, einen Satz oder auch nur ein Wort lesen oder hören, wenn wir einen Gegenstand anfassen und fühlen, wenn wir etwas in den Mund nehmen und schmecken – dann ist diese „Tätigkeit“ immer begleitet von dem Gefühl des Jetzt, des in genau diesem Moment. Will man die Begriffe Gegenwart oder Jetzt erklären, scheint man immer schnell in philosophisches oder physikalisches Fahrwasser und damit in kontroverse Debatten zu geraten, doch das erscheint Pöppel unnötig, denn

[w]enn wir über Zeit nachdenken, wobei wir als Grundlage für dieses Nachdenken von der Auffassung Newtons ausgehen mögen, daß Zeit gleichförmig fließt, dann können wir sagen, daß Gegenwart die Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft ist. Denn wenn Zeit gleichförmig fließt, dann muß es immer einen Zeitpunkt geben, der genau diese Grenze ist: das Jetzt. Diese so gedachte Jetzt ist eine ausdehnungslose Grenze, die sich in die Zukunft hineinbewegt – oder durch die die Zukunft in die Vergangenheit hineinläuft. [...] Unsere Erlebnisse sind jetzt, sie nicht ein theoretisches Gemisch aus Vergangenem und Zukünftigem.3

Stellt sich die Frage, wie dieses Erleben der Gegenwart genau aussieht? Welche Dauer hat dieses Jetzt, welche Grenze? Um dies zu bestimmen und zu überprüfen, orientiert sich Pöppel an Ergebnissen der modernen Hirnforschung:4 Ereignisse werden von uns nicht für sich allein stehend wahrgenommen, sondern aufeinander bezogen und miteinander verschweißt, so dass eng aufeinander folgende Ereignisse jeweils eine Wahrnehmungsgestalt bilden; Pöppel spricht in diesem Zusammenhang von einem Integrations-Mechanismus, den unser Gehirn dafür bereitstellt – und eben dieser Integrations-Mechanismus, der Ereignisse zu Einheiten zusammenfasst, unterliegt nachweislich einer oberen zeitlichen Grenze von etwa 3 Sekunden (die Entdeckung dieser Grenze beansprucht Pöppel im Übrigen nicht für sich selbst, er weist daraufhin, dass sie schon vom Begründer der experimentellen Psychologie, Wilhelm Wundt, entdeckt wurde).5 Etwas als Einheit zusammengefasst zu haben, heißt also, es als gegenwärtig zu erleben, anders formuliert: es jetzt zu erleben und verfügbar zu haben – somit wird dieser Integrations-Mechanismus zur Grundlage unserer subjektiven Gegenwart, unseres Jetztgefühls.

Ein einfaches Beispiel soll das Phänomen des hier angesprochenen Integrations-Mechanismus verständlich machen: Lässt man ein Metronom im Sekundentakt schlagen, so können wir leicht eine subjektive Akzentuierung vornehmen, bei der wir jedem zweiten Metronomschlag einen subjektiven Akzent verleihen, so dass wir das Gefühl haben, er sei etwas lauter als der subjektiv nicht-akzentuierte Schlag (unter Umständen schaffen wir es sogar, drei aufeinander folgende Schläge zu einer Wahrnehmungsgestalt zusammenzuschließen, indem wir jedem dritten Schlag ein stärkeres subjektives Gewicht geben). Versuchen wir nun aber, vier oder gar fünf aufeinander folgende Schläge zusammenzufassen, wird eine subjektive Akzentuierung unmöglich.

Dieser einfache Versuch zeigt, dass die Integration aufeinander folgender Ereignisse zu Wahrnehmungsgestalten zeitlich begrenzt ist. Nur wenn zwei aufeinander folgende Ereignisse in einen engen zeitlichen Rahmen fallen, kann eine Beziehung zwischen ihnen hergestellt werden, und nur dann ist es möglich, eines der Ereignisse subjektiv hervorzuheben. [...] Wir deuten dieses Phänomen so, dass zentrale Mechanismen des Gehirns einzelne Ereignisse nur etwa drei Sekunden festhalten können, und dass die Integrationsfähigkeit nach dieser Zeit gleichsam „erschöpft“ ist.6

Wenn dies allgemein gelten und das Erleben von Jetzt nicht nur an Gehörtes gebunden sein soll, so muss es nach Pöppels Annahme auch in anderen Bereichen der Wahrnehmung nachweisbar sein – und das ist in der Tat möglich: Am Beispiel berühmter Vexierbilder (oder: Kippfiguren), die sich für gewöhnlich auf zwei Weisen interpretieren lassen, kann es gezeigt und überprüft werden:  

  Abb.4

  Abb.5

Abbildung 4 zeigt den Necker-Würfel – Abbildung 5 ein Bild, das man auf zwei Arten interpretieren kann: als Vase oder Pokal einerseits und andererseits als das Schattenbild zweier sich gegenseitig zugewandter Gesichter. Am Beispiel dieser Kippfiguren lässt sich nun demonstrieren, dass man als Betrachter, selbst wenn man in der Lage ist, beide Varianten der Kippfigur zu „sehen“, trotzdem immer nur eine der beiden Varianten realisiert – und nicht beide gleichzeitig! Man sieht entweder den Pokal oder die beiden Gesichter, entweder den Würfel „von unten“ oder den Würfel „von oben“, aber nie beides zur gleichen Zeit, was darauf hinweist, „daß es stets nur einen Inhalt des Bewußtseins gibt. Wenn dieses Eine im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, rückt alles andere, auch die andere Sichtweise, in den Hintergrund.“7 Außerdem lässt sich ein zweiter interessanter Effekt feststellen: Wenn man erst einmal beide Interpretationsmöglichkeiten dieser Figuren „gesehen“ hat, ist es nicht mehr möglich, nur noch eine der beiden Varianten zu sehen, das heißt: hat ein Betrachter in Abbildung 5 erst einmal sowohl den Pokal als auch die beiden Gesichter erkannt, sozusagen beide „Sehweisen“ gelernt, dann kann er nicht mehr nur den Pokal sehen, denn das Bild wird ungefähr alle 3 Sekunden automatisch umspringen. Daraus wiederum lässt sich schließen, „daß der eine Bewußtseinsinhalt immer nur für wenige Sekunden bestehen kann, um dann wieder zu versinken und von einem anderen abgelöst zu werden.“8 Zusammenfassend also kann festgehalten werden,

daß Mechanismen in unserem Gehirn dafür zu sorgen scheinen, daß aufeinanderfolgende Ereignisse bis zu einer Grenze von etwa drei Sekunden zu Einheiten zusammengeschweißt werden […]. Dann hatten wir gesehen, daß ein Bewusstseinsinhalt nur eine Überlebenschance von drei Sekunden hat […] und daß es innerhalb dieser Dauer immer nur einen Bewußtseinsinhalt gibt. Und schließlich hatten wir gesehen, daß Informationen nur bis etwa drei Sekunden als Ganzes erfaßt werden können. Wir nehmen deshalb an, daß unser Gehirn einen Integrations-Mechanismus bereitstellt, der das, was aufeinanderfolgt, zu einer geschlossenen Gestalt formt, wobei wir als obere zeitliche Grenze dieser Integration etwa drei Sekunden annehmen. Das, was zusammengefaßt wird, ist der einmalige Bewußtseinsinhalt, der uns als gegenwärtig erscheint. Die sich über objektive Zeit erstreckende Integration ist also die Grundlage dafür, daß wir etwas als gegenwärtig erleben. Das Jetzt hat eine zeitliche Ausdehnung von maximal drei Sekunden.9

Freilich können Bewusstseinsinhalte auch eine kürzere Zeit einnehmen – umgekehrt dürfte auch klar sein, dass es für die bezeichnete Grenze individuelle Unterschiede gibt: Beim einen mögen 3, beim anderen 4 Sekunden die maximale Spannweite sein, innerhalb derer Erlebtes als gegenwärtig erscheint, insgesamt aber kann angenommen werden, dass 3 Sekunden im Durchschnitt die Grenze sind.10 Dass Gesehenes, Gehörtes und Gefühltes in 3-Sekunden-große Gestalteinheiten verpackt wird, soll auch damit zu tun haben, dass wir diese Einheiten als besonders angenehm empfinden, wie verschiedene ästhetische Phänomene offenkundig zeigen:

Die Gruppierung von Wahrnehmungs- und Gestaltungs-Einheiten zu etwa drei Sekunden dauernden Intervallen können wir auch beim Sprechen beobachten. Wenn jemand redet, dauern die einzelnen aufeinanderfolgenden Äußerungseinheiten im Durchschnitt etwa drei Sekunden. Jede Äußerungseinheit wird durch eine kurze Pause beendet, der dann die nächste Einheit folgt. Diese zeitliche Einteilung beim Sprechen ist übrigens nicht dadurch vorgegeben, daß wir atmen müssen. Deshalb bezeichnet man die in regelmäßigen Abständen auftretenden Pausen nicht als Atempausen, sondern besser als Planungspausen, denn in diesen Pausen wird jeweils die nächste Äußerungseinheit vorbereitet. [...] Diese zeitliche Struktur beobachtet man allerdings nur beim spontanen Sprechen. Wenn jemand laut liest, dann ist das rhythmische Muster häufig nicht erkennbar. Das liegt daran, daß der Sprechende beim Vorlesen die nächsten Äußerungseinheiten gedanklich nicht vorbereiten muß, da er nur wiedergibt, was schon aufgeschrieben ist.11

Verschiedene, auch linguistische und psycholinguistische Untersuchungen bestätigen dieses Phänomen, das im Übrigen ebenso in nicht-westlichen Sprachen wie Chinesisch und Japanisch empirisch nachgewiesen wurde.12 Ein anderer Bereich, der nach Auf­fassung Pöppels in wohl überzeugendster Weise demonstriert, dass unsere Sprache eingebettet ist in ein zeitliches Grundmuster von 3 Sekunden (das der Dauer der subjektiven Gegenwart, dem Jetzt, entspricht), ist die Dichtkunst: Bei über 200 von Pöppel untersuchten deutschsprachigen Gedichten konnte für über zweidrittel eine Versdauer zwischen 2 und 3 Sekunden ermittelt werden, für alle zusammen im Durchschnitt eine Versdauer von 3,1 Sekunden. Ähnliche systematische Untersuchungen liegen vor für Englisch, Französisch, Chinesisch, Japanisch, Latein und Altgriechisch – das erstaunliche Ergebnis all dieser Beobachtungen ist, dass sich alle Gedichte hinsichtlich ihrer Versdauer an einem einheitlichen zeitlichen Grundmuster orientieren: „Die Drei-Sekunden-Einheit im Vers ist [...] offenbar ein universelles Phänomen, das für alle Sprachen gilt.“13 Mit dem dichterischen Vers hat man offensichtlich eine Gestalt gefunden, die der formalen Struktur unseres Zeiterlebens am besten entspricht, weil der Vers unser Jetzt in der jeweils idealsten und angenehmsten Weise ausfüllt.

Und wenn das für gesprochene Sprache und Lyrik gilt, warum soll es dann nicht auch grundsätzlich für das Schreiben von Texten nutzbar gemacht werden können?

 

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1

Vgl. Ernst Pöppel: Grenzen des Bewußtseins. Wie kommen wir zur Zeit, und wie entsteht Wirklichkeit? Frankfurt am Main/Leipzig 1997, S. 20 und S. 100. Im Folgenden abgekürzt mit Pöppel 1997.
2 Vgl. Pöppel 1997, S. 109 und S. 111.
3 Pöppel 1997, S. 61 f. (Hervorhebungen im Original). 
4 Einige, aber nicht alle dieser Untersuchungen wurden von Pöppel oder von Mitarbeitern seines Instituts in München selbst durchgeführt. 

5

Vgl. Pöppel 1997, S. 64.
6 Ernst Pöppel: Eine zu große Herausforderung? Einige Fragen über die Zeit. URL: http://www.forschung-und-lehre.de/archiv/12-99/poeppel.htm, Stand: 13.08.2006.
7 Pöppel 1997, S. 69 f. (Hervorhebung im Original).
8 Ebd., S. 70 (Hervorhebung im Original).
9 Ebd., S. 72 (Hervorhebungen im Original).
10 Vgl. ebenda.
11 Ebd., S. 81.
12 Vgl. ebd., S. 81 ff.
13 Ebd., S. 86 (Hervorhebung im Original). Zur Untersuchung der zeitlichen Struktur von Gedichten vgl. ebd., S. 85-92.
Lyrikkenner würden an dieser Stelle wahrscheinlich einwenden, dass dieses festgestellte zeitliche Grundmuster für das Versmaß des Hexameters, Pentameters oder Alexandriners offensichtlich nicht gilt, da die Dauer dieser Verse eindeutig die 3-Sekunden-Grenze überscheitet. Das ist natürlich korrekt – übersieht aber, dass diese Verse in der Regel zeitlich unterteilt werden und also innerhalb eines jeden Verses eine Pause gemacht wird, das heißt: vom Sprechrhythmus her sind solche längeren Verse genau genommen nämlich Doppelverse; die geschriebene Verslänge stimmt also nicht mit der gesprochenen Verslänge überein – und die wiederum entspricht dem zeitlichen Grundmuster von 3 Sekunden (vgl. ebd., S. 87 f.).  

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