5. Darf’s auch etwas mehr sein?
Oder: Wie viel Verständlichkeit ist erlaubt?

Glaubt man den Forschungsergebnissen des empirisch-induktiven Ansatzes, kann ein Text hinsichtlich seiner sprachlichen Einfachheit und seiner Gliederung überhaupt nicht verständlich genug sein (vgl. 2.1) – geht man nach den Empfehlungen des theoretisch-deduktiven Ansatzes, sollte er dem Leser wenigstens ein Mittelmaß an Mühe zumuten (vgl. 2.2), damit Lernerfolg, Behalten und Interesse des Lesers nicht schwinden (zumindest im Falle von Lehr- und Lerntexten). Unabhängig von den Verständlichkeitskonzepten beider Modelle ließe sich natürlich auch fragen, ob Ver­ständlichkeit an sich, sei sie maximiert oder mittelgradig, überhaupt notwendig und somit erstrebenswert ist? Anders gefragt: Ist ein Text nur dann optimal, wenn er auch ver­ständlich ist? Und wenn ja, was bedeutet dann „optimal“ bei der fast zwangsläufigen Mehrfachadressierung der meisten Texte?

Die linguistische Forschungsliteratur beispielsweise setzt sich mit der Frage nach „optimalen“ und möglichst verständlichen Texten eher kritisch auseinander:

Die [...] Gleichsetzung von „optimal“ mit „breit verständlich“ greift freilich zu kurz. Die von den Laien nicht beherrschten Sprachen religiöser Texte, die „dunkle“ Sprache immer wieder neu auslegbarer (und deshalb anerkannter) Philosophen und Literaten belegt, daß Unverständlichkeit erwünscht sein kann. Gerade die „Schwierigkeit“ legitimiert die Texte mancher Institutionen, weist sie aus als der Mühe wert, der Auslegung wert, als kompetent. Das Herstellen „schwieriger“ Texte, die Beherrschung des Fachjargons ist in vielen Institutionen Zulassungskriterium und Autoritäts­nachweis.1

Nun trifft es sich, so viel darf gemutmaßt werden, dass viele derjenigen, die schreiben (ob beruflich oder privat), und die meisten derjenigen, die das Geschriebene dann lesen, weder Bibeldeuter noch Philosophen noch zwangsläufig weise Gelehrte sind – in aller Regel richten sich die meisten Texte an eine breite Masse von Lesern mit sehr unterschiedlichen individuellen Voraussetzungen an Bildung und Weltwissen. Aber selbst für einen wissenschaftlichen Lehrtext, der doch Wissen, Erkenntnisse und neue Ideen kommunikativ vermitteln will und sollte, kann und darf Unverständlichkeit nach meiner Ansicht und bei aller akademischen Renommiersucht eigentlich nicht das Maß der Dinge sein.

Nun wurde von mir bereits darauf hingewiesen, dass eine mögliche Erklärung für die unterschiedlich empfohlenen Verständlichkeitsgrade beider Forschungsansätze sein könnte, dass die zur Untersuchung herangezogenen Texte nicht völlig einheitlich waren: während sich das theoretisch-deduktive Modell vor allem auf Sach-, Lehr- oder wissenschaftliche Informationstexte beschränkte, bezog das induktive Modell bei seinen Untersuchungen auch alltägliche Gebrauchstexte unterschiedlichster Art mit ein. Dass die beiden untersuchten „Textgruppen“ unterschiedlichen Anforderungen genügen müssen, hängt ja auch damit zusammen, dass sie sich an verschiedene Adressatengruppen wenden. Kalkuliert man also die jeweils verschiedenen Adressatengruppen mit ein (Lehrer, Schüler, Studenten und Akademiker auf der einen Seite – „Durchschnittsbürger“ auf der anderen), dann lässt sich damit möglicherweise erklären, wieso durchaus unterschiedliche Empfehlungen über die optimale Verständlichkeit von Texten gemacht werden können, ohne dass ein Modell deshalb die zwangsläufig schlechtere oder ungenauere Empfehlung abgegeben haben muss als das andere.

In diesem Sinne nämlich könnte man nicht einfach sagen, ein Text ist immer dann optimal, wenn er maximal verständlich gestaltet wird (empirisch-induktiv) – oder nur dann, wenn er mindestens mittelmäßig schwierig ist (theoretisch-deduktiv). Ob sich ein Text als „optimal“ erweist, hängt dann vielmehr entscheidend davon ab, an wen er sich richtet und ob er, gemessen an der (primären) Adressantengruppe, verständlich genug ist. Die treffendste Definition eines „optimalen“ Texts scheint mir daher die zu sein, bei der sich ein Text dann als optimal erweist, „wenn die im Blick auf die anvisierten Adressaten angestrebten Ziele tatsächlich erreicht werden [...].“2 Will man also einen Text hinsichtlich seiner Verständlichkeit optimieren, sollte man dies immer relativ zu seiner kommunikativen Absicht tun, relativ zu seiner dominanten Lesergruppe und relativ zur Situation, in der dieser Text benutzt werden soll. Für die Gruppe der mehrfach adressierten Texte, zweifellos gleichsam die größte Textgruppe, ergibt sich daher immer folgendes Problem:

Je mehr Adressaten es sind und je unklarer die Eingrenzung des Adressatenkreises und je inhomogener seine Zusammensetzung, desto geringer sind die Möglichkeiten der Textoptimierung.3

Mehrfach adressierte Texte zu optimieren, kann sich also als Balanceakt erweisen zwischen den Zielen des Autors und den Zielen, Erwartungen und Voraussetzungen, die die jeweiligen Adressaten mitbringen – oder auch nicht. Letztlich geht es meines Erachtens aber darum, verstanden zu werden – ohne zu langweilen, ohne zu unterfordern und vor allem ohne unverständlich zu sein! Texte dürfen unterschiedlich schwierig sein, müssen es wahrscheinlich auch. Unverständlich aber sollten sie niemals sein.

Im Übrigen, und damit möchte ich schließen, glaube ich nicht, dass sich ein höheres Textniveau automatisch in einer schwierigeren Satzgestaltung niederschlagen muss, ge­schweige denn sollte (vgl. 4.2). Natürlich lässt sich, wie schon im Zusammenhang mit der Wortwahl eingeräumt, argumentieren, dass ein anspruchsvolles und schwieriges Thema nicht immer auf einfache Weise, also mit einfachen und anschaulichen Wörtern erklärt werden kann – aber doch durchaus mit einfachen Sätzen! Dass sich schwierige und hochkomplexe Themen, denen nur mit abstrakten Begriffen beizukommen sein mag, zwangsläufig nur in genauso schwierigen und verschachtelten Sätzen unterbringen ließen – wo sollte das denn geschrieben stehen? Gerade wenn ein Thema so anspruchsvoll ist, dass man zwecks angemessenen Niveaus keine Abstriche in der Wortwahl machen will, sollte man doch an anderer Stelle, wo es sich anbietet, umso mehr für zusätzliche Verständlichkeit sorgen: eben bei der Satzgestaltung. Und hier lässt sich wieder anknüpfen an das Problem unterschiedlicher Adressatengruppen und des jeweiligen Ver­ständlichkeitsgrades: Über die Wortwahl kann der Schreiber das Sprachniveau seines Textes je nach angepeilter Adressatengruppe regulieren – der Satzbau aber sollte immer klar und verständlich bleiben (und somit im Idealfall den Regeln der Verständlichkeitsforschung folgen). Eine Reihe von Untersuchungen befürworten das auch, weshalb man heute davon ausgeht,

dass die Semantik bei der Satzverarbeitung die eindeutig dominierende Rolle spielt. Entsprechend kommt dem Aspekt der inhaltlich-semantischen Textgestaltung für die Herstellung verständlicher Texte ein größeres Gewicht zu [...].4

Auf den Punkt gebracht: die Verständlichkeit eines Textes sollte sich immer nach dem Leser richten, für den der Text geschrieben wird – soweit sich das konkret ermitteln lässt; innerhalb der Dimension sprachliche Einfachheit kann und sollte man die Schwierigkeit des Textes über die Wortwahl regulieren, die Gestaltung des Satzbaus hingegen sollte immer einfach, klar und somit verständlich sein.

 

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1

Beate Henn-Memmesheimer: Nonstandard in optimalen Texten? In: Antos/Augst 1992, S. 38.
2 Ludger Hoffmann: Textoptimierung am Beispiel „Grammatik“: ein Blick aus der Werkstatt. In: Antos/Augst 1992, S. 53.
3 Ebenda.

5

Groeben/Christmann 1989, S. 178.

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