1. Klassische Wurzeln: Die Lesbarkeitsforschung

Historisch betrachtet, beginnt die psychologische Erforschung der Verständlichkeit von Texten mit der so genannten Lesbarkeitsforschung, die man heute als Vorstufe der eigent­lichen Verständlichkeitsforschung betrachtet und daher bisweilen auch „klassische Lesbar­keitsforschung“ nennt.1 Das primäre Anliegen der Lesbarkeitsforschung bestand darin, mög­lichst objektiv den Lesbarkeitsgrad von Texten zu bestimmen; um dies zu erreichen, untersuchte man Texte hinsichtlich ihrer objektiv fassbaren und zählbaren syntaktisch-stilistischen Merkmale und ermittelte, ob und, wenn ja, in welchem Ausmaß zwischen eben diesen Merkmalen und verschiedenen Kriterien der Lesbarkeit ein Zusammenhang besteht; einfacher formuliert: untersucht wurde, wie und vor allem wie stark genau sich Wort- und Satzlänge bzw. Wort- und Satzschwierigkeit auf die Lesbar­keit eines Textes auswirken – gemessen an Expertenurteilen, Verständnistests und der Lesegeschwindigkeit. Auf diese Weise konnten die bedeutsamsten Merkmale ermittelt und schlussendlich zu Lesbarkeitsformeln zusammengefasst werden.2

Im Laufe der Jahre wurde eine ganze Reihe solcher Lesbarkeitsformeln entwickelt, wobei jede dieser Formeln Wort-, Satz- und Silbenfaktor unterschiedlich stark gewichtete und sich als entsprechend mehr oder weniger brauchbar, erfolgreich oder präzise erwies;3 gleichgültig aber, welche Formel man wählt: die Lesbarkeit – oder anders: der Schwierigkeitsgrad eines Textes definiert sich nach den Methoden der Lesbarkeitsforschung, zu­gespitzt formuliert, letztlich im Grunde immer nur über das, was man auch zählen kann: nämlich die Anzahl der Silben pro Wort bzw. die Anzahl der Wörter pro Satz. Dement­sprechend hat die Lesbarkeitsforschung viel Kritik erfahren, zumal ihr zwei zentrale Be­schränkungen zum Nachteil gereichen: Weil sie sich, erstens, ausschließlich auf formal-stilistische Merkmale konzentriert und inhaltliche Aspekte wie Text­organisation und Anschaulichkeit ausblendet, vernachlässigt sie folglich, zweitens, die Rezipientenseite, also den Leser, dessen jeweils individuelle Wissens- und Verstehensvoraussetzungen sie genauso ignoriert wie den Verarbeitungsprozess selbst.4 Daher nimmt es nicht Wunder, dass die Validität5 der Lesbarkeitsformeln nur hinsicht­lich der Lesegeschwindigkeit er­mittelt werden konnte, aber nie für das Textver­ständnis selbst.6

Will man praktischen Nutzen aus den Erkenntnissen der Lesbarkeitsformeln ziehen, so lassen sich zwar nur begrenzt und vage Hinweise zur sprachlichen Gestaltung von Texten ableiten – dennoch sind diese ersten „Regeln“ insofern von Bedeutung, als sie später für die Verständlichkeitsforschung selbst wieder von Nutzen sein werden. Für die Wortwahl gilt der Rat, möglichst kurze, geläufige Wörter zu verwenden, außerdem auf Fremd- oder Fachwörter und abstrakte Begriffe zu verzichten und stattdessen konkrete, anschauliche Wörter zu wählen; Sätze sollten möglichst kurz, grammatikalisch einfach und von komplizierten Satzschachtelungen frei gehalten werden.7
 

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1

Vgl. Norbert Groeben/Ursula Christmann: Textoptimierung unter Verständlichkeitsperspektive. In: Textproduktion. Ein interdisziplinärer Forschungsüberblick. Hg. v. Gerd Antos und Hans P. Krings. Tübingen 1989, S. 165 f. Im Folgenden abgekürzt mit Groeben/Christmann 1989.
Vgl. ferner Wetzchewald 2002. 

2

Vgl. Norbert Groeben: Leserpsychologie. Textverständnis – Textverständlichkeit. Münster 1982, S. 175 f. Im Folgenden abgekürzt mit Groeben 1982. Vgl. ferner Groeben/Christmann 1989, S. 167.
3 Besonders zwei Formeln gelten als besonders populär: zum einen die bekannteste und am häufigsten verwendete Formel schlechthin, die Reading-Ease-Formel von Flesch (1948) – zum anderen die Dale-Chall-Formel (1948), die den Ruf genießt, die präziseste aller Lesbarkeitsformel zu sein (vgl. Groeben 1982, 176 f., ferner Groeben/Christmann 1989, S. 167 und Wetzchewald 2002).
4 Zur Kritik an der Lesbarkeitsforschung vgl. Groeben 1982, S. 183 f., ferner Groeben/Christmann 1989, S. 167 und Dietrich Meutsch: Text- und Bildoptimierung. Theoretische Voraussetzungen für die praktische Optimierung von Print- und AV-Medien: Verständlichkeitsforschung und Wissenstechnologie. In: Antos/Augst 1992, S. 11. Im Folgenden abgekürzt mit Meutsch 1992
5 Validität (oder: Gültigkeit) bezeichnet das Ausmaß, mit dem das, was gemessen werden soll, auch tatsächlich gemessen wird (vgl. Siegfried Preiser: Pädagogische Psychologie. Psychologische Grundlagen von Erziehung und Unterricht. Weinheim/München 2003, S. 377. Im Folgenden abgekürzt mit Preiser 2003).
6 Vgl. Groeben/Christmann 1989, S. 167.
7 Vgl. ebenda, ferner Groeben 1982, S. 185 und Meutsch 1992, S. 10 f.

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