2. Verständlichkeit ist „vierdimensional“

Nebst Vollständigkeit lassen sich vor allem zwei Gründe nennen, weshalb man die Darstellung der Lesbarkeitsforschung aus einer Arbeit über Textverständlichkeit nicht ausklammern sollte: Zum einen macht die Lesbarkeitsforschung als historische Vorstufe zur Verständlichkeitsforschung quasi auch einen Teil derselben aus – zum anderen, und das erscheint mir wesentlicher, ließen sich aus den Einschränkungen der Lesbarkeitsforschung ex negativo, wenn man so will, eben jene Merkmale ableiten, um welche die Verständlichkeitsforschung ergänzt werden musste, damit sie die Mängel der Lesbarkeitsforschung überwinden und adäquat ausgleichen konnte.

Ein vollständiges und stimmiges Konzept von Verständlichkeit muss also über die gewöhnliche formal-stilistische Beschreibung eines Textes hinausgehen, um „auf möglichst breiter Basis verständlichkeits­relevante Dimensionen der Textstruktur [einbeziehen zu können]“;1 das heißt, zusätzlich einbeziehen muss es: erstens die semantische Struktur und Organisation eines Textes und zweitens ganz besonders den Rezeptionsprozess. Schließlich kann die Verständlichkeit eines Textes nicht völlig unabhängig vom konkreten Leser bestimmt werden – denn sie richtet sich ja auch danach, inwieweit die individuellen Kenntnisse des jeweiligen Lesers den stilistischen und inhaltlichen An­forderungen eines Textes gerecht werden.2 Insgesamt also sollte Verständlichkeit als ein Konzept bzw. Konstrukt entwickelt werden, „das sprachlich-stilistische und kognitiv-inhaltliche Dimensionen in sich vereint.“3

Dem Ziel eines solchen Verständlichkeitskonzepts hat man sich bisher vor allem auf zwei Wegen genähert: durch ein induktives Vorgehen einerseits – und ein deduktives Vorgehen andererseits. Beide Möglichkeiten, ein einigermaßen gesichertes Konzept von Textverständlich­keit aufzustellen, sollen im Folgenden vorgestellt werden.

 

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1

Groeben/Christmann 1989, S. 168.

2

Vgl. ebenda.
3 Groeben 1982, S. 188 (Hervorhebung von mir).

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