2.1 Verständlichkeit auf zwei Wegen (I):
der empirisch-induktive Ansatz

 Den empirisch-induktiven Ansatz verfolgte die Hamburger Forschergruppe Langer, Schulz von Thun, Tausch und Wieczerkowski. Induktiv bedeutet ganz allgemein, dass man vom Speziellen auf das Allgemeine zu schließen versucht (man sagt auch: bottom-up Zugang), und in diesem konkreten Fall bedeutet es, auf das Konzept Verständlichkeit zu schließen, indem man bereits geschriebene, also fertige Texte hinsichtlich ihrer individuellen Verständlichkeit einschätzt (das Spezielle) und aus den gewonnenen Erkenntnissen ein vollständiges Konzept von Verständlichkeit abzuleiten versucht (das Allgemeine).

In diesem Sinne wurden unterschiedlich schwierige Texte aller Art zunächst von Experten (Studenten, Lehrern usw.) eingeschätzt hinsichtlich der Texteigenschaften, die sich in der bisherigen Forschung, auch in der Stilistik und Rhetorik, als bedeutsam und entsprechend relevant erwiesen haben für die Verständlichkeit von Texten. Abbildung 1 zeigt ein Beispiel dafür, wie die Verständlichkeit dieser Texte (hier zweier Texte im Vergleich) anhand solcher als relevant erachteten Texteigenschaften bewertet werden konnte. In diesem speziellen Fall konnten die Experten für jeweils zwei gegensätzliche Merkmale den Wert, so wie er ihrer Meinung nach auf Text A oder B zutraf, auf einer Skala von +3 über 0 bis -3 bestimmen: 

Abb.1

Aus solcherlei erhobenen Daten wurden später die Zusammenhänge zwischen den ver­schiedenen Texteigenschaften korrelationsstatistisch bestimmt und daraus schlussendlich vier verschiedene Dimensionen der Verständlichkeit abgeleitet: (1) sprachliche Einfach­heit, (2) Gliederung-Ordnung, (3) Kürze-Prägnanz und schließlich (4) die Dimension der zusätzlichen Stimulanz.1

Die Experten konnten nunmehr auf der Grundlage dieser vier Verständlichkeitsdimensionen und anhand fünf­stufiger, bipolarer Skalen (+2 bis -2) die Verständlichkeit eines Textes beurteilen und somit deren „quantitative[s] Ausmaß“2 ermitteln; darüber hinaus wurden die ver­schiedenen Grade der Verständlichkeit auf Verstehens- und Behaltensleistungen untersucht, indem man Texte mit ihrer jeweils verständlichkeits­optimierten Version verglich – mit dem Ergebnis, dass optimierte Texte durchweg besser behalten bzw. verstanden wurden als deren Originalversion.3

 Abb.2
(zum Vergrößern bitte anklicken!)

Abbildung 2 veranschaulicht die vier Dimensionen der Textverständlichkeit, in so genannten Dimensionsbildern grafisch dargestellt. Die Dimension der sprachlichen Einfachheit ist, wie man an den einzelnen Textmerkmalen leicht sehen kann, im Grunde identisch mit den Regeln der Textgestaltung, wie sie von der Lesbarkeitsforschung bereits formuliert wurden (vgl. 1); die beiden Dimensionen Kürze-Prägnanz und Gliederung-Ordnung ergänzen das Textverständlichkeits-Konzept um den, wie erwähnt, von der Lesbarkeitsforschung noch vernachlässigten Aspekt der kognitiv-inhaltlichen Dimension. Darüber hinaus gelten die vier Dimensionen als weitgehend unabhängig voneinander; an einem Beispiel erläutert, heißt das: ein sprachlich einfacher Text kann gut, schlecht oder überhaupt nicht gegliedert sein, aber trotzdem aufs Wesentliche beschränkt – und umgekehrt.4

Aus praktischer Sicht sind in diesem Zusammenhang nunmehr zwei Fragen von Bedeutung. Erstens: Innerhalb welcher Werte, gemessen an eben diesen Skalen, wird eine optimale Verständlichkeit erreicht? Und zweitens: Gibt es unter den vier Verständlich­keitsdimensionen eine hierarchische Ordnung – und falls dies der Fall ist: welche ist die wichtigste? Mittels Überblick über alle durchgeführten Studien konnten die Forscher der Hamburger Gruppe ableiten, welche Ausprägungsgrade in den einzelnen Verständlichkeitsdimensionen als optimal anzustreben sind – und welche der vier Dimensionen von größter Bedeutung ist.

  Abb.3

Abbildung 3 zeigt, innerhalb welches Wertebereichs der einzelnen Dimensionen eine optimale Verständlichkeit erreicht würde: sowohl für die Dimension der Einfachheit als auch der Gliederung-Ordnung gelten Werte zwischen +2 und mindestens +0,5 als optimal; zu kurz und gedrängt darf ein Text nach den Erkenntnissen der Hamburger Gruppe aber offensichtlich nicht sein – vielmehr erreicht man hinsichtlich der Dimension Kürze-Prägnanz das Optimum eher in einem mittleren Bereich zwischen maximal +1,5 und minimal -0,5. Positive Ausprägungsgrade innerhalb der Dimension zusätzliche Stimulanz erweisen sich logischerweise nur dann als verständnisfördernd, wenn sie in Kombination mit optimalen, das heißt: hohen positiven Werten der Dimension Gliederung-Ordnung einhergehen – bei schlecht- oder ungegliederten Texten würde zusätzliche Stimulanz den Leser nur verwirren.5 Bei der Gewichtung der vier Dimensionen kam die Hamburger Forschergruppe zu der Festlegung, dass

[d]ie Dimension Einfachheit als die „wichtigste“ anzusehen [ist], die Dimension Gliederung-Ordnung ist „von erheblicher Bedeutung“, während die Dimension Kürze-Prägnanz „weniger entscheidend“ ist, „aber in ihrer Bedeutung häufig unter­schätzt“ wird; bei der Dimension zusätzliche Stimulanz enthält schon die Dimensions­benennung die Gewichtung: nämlich daß sie nur zusätzlich [...] einzu­setzen ist.6

Insgesamt gesehen, hat der induktive Ansatz von Langer, Schulz von Thun, Tausch und Wieczerkowski den Vorteil, Textverständlichkeit insofern äußerst ökonomisch erfassen zu können, als er: erstens universell ist, das heißt auf Texte aller Art angewendet werden kann – zweitens Textverständlichkeit quantitativ messbar macht, und zwar durch die Kennwerte der vier Verständlichkeitsdimensionen (+2 bis -2) – und drittens handlich und praktisch ist, weil die Verständlichkeit eines Textes unmittelbar durch die Bewertung eines Experten anhand der vier Dimensionsbilder vorgenommen werden kann. Außerdem gilt er als differenziert, valide und trainierbar.7

Natürlich sind, wie sooft, auch mit diesem Ansatz Probleme und Nachteile ver­bunden, von denen hier nur die drei wesentlichsten aufgeführt werden sollen:8 Problematisch erscheint erstens die für diesen Ansatz notwendige Beurteilung durch Experten, die zwar ökonomisch und durchaus praktisch ist, dafür aber auch relativ subjektiv insofern, als die Experten bei der Beurteilung in der Regel ja auch nur auf ihre eigene Rezeption des Textes zurückgreifen, also eher intuitiv vor­gehen. Hinzu kommt zweitens wie bei der Lesbarkeitsforschung auch schon, dass sich aus den Erkenntnissen der Hamburger Forschergruppe nur wenig konkrete Handlungsanweisungen, also Regeln oder Hinweise zur Textoptimierung ableiten lassen; zwar lässt sich die Verständlichkeit eines bereits ge­schriebenen Textes mithilfe des empirisch-induktiven Ansatzes recht leicht ermitteln, auch veranschlagt der Ansatz, wie gezeigt, für jede der vier Verständlichkeits­dimensionen individuell einen optimalen Ausprägungs­grad in Form eines anschaulichen Kennwerts (z.B. optimale Einfachheit: +2 bis +0,5) – welche konkreten Regeln man aber daraus ableiten soll, um in der Praxis selbst einen ver­ständlichen Text schreiben zu können, dazu gibt der Ansatz leider nur wenig konkrete Hinweise. Und schließlich drittens wird der empirisch-induktive Ansatz vor allem wegen der „Theorielosigkeit seines Vorgehens“9 kritisiert, ein Mangel, den der deduktive Forschungsansatz auszugleichen versucht – wie im Folgenden gezeigt werden soll.

 

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1

Vgl. ebd., S. 190, ferner Groeben/Christmann 1989, S. 169 und Wetzchewald 2002.

2

Groeben/Christmann 1989, S. 169.
3 Vgl. ebd., S. 170.
4 Vgl. Groeben 1982, S. 193.
5 Vgl. ebd., S. 196.
6 Ebd., S. 196 f. (Hervorhebungen von mir).
7 Vgl. ebd., S. 197.
8 Zur Kritik am empirisch-induktiven Ansatz vgl. Groeben/Christmann 1989, S. 170.
9 Ebenda.

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