2.2 Verständlichkeit auf zwei Wegen (II):
der theoretisch-deduktive Ansatz

Den Weg heraus aus der „Theorielosigkeit“ des induktiven Verständlichkeitsansatzes beschritt der Heidelberger Psychologe Norbert Groeben mit seinem theoretisch-deduktiven Modell, für das er sprachpsychologische, lerntheoretische und motivationspsychologische Theorien zur Textrezeption heranzog und daraus sein theoretisch-deduktives Verständlichkeitskonzept ableitete.1 Deduktiv, im Gegensatz zu induktiv, bedeutet also, vom Allgemeinen auf das Spezielle zu schließen (man sagt auch: top-down Zugang): Aus den Erkenntnissen allgemeiner Theorien (das Allgemeine) werden Schlussfolgerungen über bestimmte Einzelerkenntnisse abgeleitet (das Spezielle) – in unserem konkreten Fall mit dem Ziel, ein möglichst vollständiges und adäquates Verständlichkeitskonzept aufzustellen. Aus den herangezogenen Theorien leitete Groeben ebenfalls, wie vormals die Hamburger Forschergruppe, vier Dimensionen der Textver­ständlichkeit ab:
(1) stilistische Einfachheit, (2) semantische Redundanz, (3) kognitive Strukturierung und schließlich (4) konzeptueller Konflikt.2

Auf die praktischen Handlungsanweisungen zur Textoptimierung, die in großen Teilen aus diesem Forschungsansatz abgeleitet werden können, wird im nächsten Teil der Arbeit explizit zurückzukommen sein; darüber hinaus wird speziell die Dimension der sprachlichen Einfachheit in 3.4 noch einmal detaillierter diskutiert werden. Deshalb soll an dieser Stelle vorerst ein grober Überblick darüber genügen, mittels welcher Grundlagen Groeben die vier Verständlichkeitsdimensionen aufgestellt hat: Die Dimension der stilistischen Einfachheit entwickelte er unter Rückgriff auf die bereits vorgestellten Ergebnisse der Lesbarkeitsforschung, die hermeneutische Stilforschung und auf sprachpsychologische Befunde zur Satzverarbeitung; unter Rückgriff auf die Informationstheorie gelang die Auf­stellung der Dimension semantische Redundanz – die der Dimension kognitive Gliederung auf der Grundlage der Kognitiven Lerntheorie von Ausubel; die vierte und letzte Dimension konzeptueller Konflikt, bezogen auf motivationale Aspekte der Textrezeption, wurde unter Rückgriff auf die Neugier­motivationstheorie von Berlyne entwickelt.3

Natürlich stellt sich auch für den theoretisch-deduktiven Ansatz die Frage, inwieweit die vier Verständlichkeitsdimensionen einer hierarchischen Ordnung unterliegen – und welche Dimension als ist die wichtigste erachtet wird? Nach empirischer Überprüfung erwies sich für die Verständlichkeit eines Informationstextes, gemessen vor allem an der Behaltensleistung der Rezipienten, der Faktor inhaltliche Strukturierung, also die Dimension der kognitiven Gliederung als am bedeutsamsten;4 die Dimension der stilistischen Einfachheit wurde zwar ebenfalls als wichtig erachtet, war aber nicht mehr von entscheidender Bedeutung – im Gegensatz zur Dimensionenhierarchie des empirisch-induktiven Ansatzes, bei dem sich die Dimension sprachliche Einfachheit noch als wichtigste erwiesen hatte (damit wäre auch schon einer der wesentlichsten Unterschiede zwischen beiden Ansätzen angesprochen; darauf wird aber im Anschluss noch einmal zurückzukommen sein, vgl. 2.3).

Auch Groebens Ansatz gibt Auskunft darüber, wie verständlich ein Text im Optimalfall sein sollte: Hier grenzt sich der deduktive Ansatz ebenfalls von den Ergebnissen des induktiven Ansatzes ab, da er nicht eine hohe, sondern eine mittlere Textverständlichkeit für günstig befindet, die noch genügend Anforderungen an den Rezipienten stellt, um seine kognitiven Fähigkeiten weiter zu fördern und fordern.

 

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1

Vgl. ebenda, ferner Groeben 1982, S. 198 f. und Wetzchewald 2002. 

2

Vgl. Groeben/Christmann 1989, S. 170.
3 Zur Entwicklung der vier Verständlichkeitsdimensionen innerhalb des theoretisch-deduktiven Ansatzes vgl. Groeben/Christmann 1989, S. 171.
4 Vgl. ebd., S. 172.

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