2.3 Beide Wege führen nach Rom: Vergleich und Integration 

Stellt man die beiden soeben vorgestellten Forschungsansätze zur Textverständlichkeit nebeneinander, wird recht schnell offensichtlich, dass zwischen beiden Ansätzen trotz völlig unterschiedlicher Herangehensweise überraschend deutliche Gemeinsamkeiten bestehen – aber natürlich auch Unterschiede festzustellen sind. Vor allem hinsichtlich der vier relevanten Verständlichkeitsdimensionen zeigen sich zwischen beiden Modellen weitgehende Überlappungen und Übereinstimmungen, so dass selbst Norbert Groeben resümiert:

Immerhin ist die Übereinstimmung der Ergebnisse insgesamt so gut, wie es in der empirischen Forschung nicht häufig geschieht; daher darf man davon ausgehen, daß es sich bei den genannten vier Dimensionen um die relevantesten und relativ umfassenden Merkmalsbereiche der Textstruktur handelt. 

Noch einmal zum Vergleich: die vier Dimensionen des induktiven Ansatzes waren
(1) sprachliche Einfachheit, (2) Gliederung-Ordnung, (3) Kürze-Prägnanz und (4) zusätzliche Stimulanz – die des deduktiven Ansatzes: (1') stilistische Einfachheit, (2') semantische Redundanz, (3') kognitive Strukturierung und (4') konzeptueller Konflikt. Die Übereinstimmung zwischen (1) und (1') ergibt sich quasi schon aus der beinahe identischen Bezeichnung; die Dimension Gliederung-Ordnung (2) entspricht in etwa der kognitiven Strukturierung (3'), Kürze-Prägnanz (3) in etwa der semantischen Redundanz (2'), und die Dimension der zusätzlichen Stimulanz (4) findet innerhalb des deduktiven Modells ihr Pendant in der Dimension konzeptueller Konflikt (4'). Für beide Modelle ist die Dimension der kognitiven Gliederung/Ordnung für die Behaltensleistung von hoher Bedeutung, und beide ordnen dieser Dimension eine höhere Bedeutung zu als der motivierenden, stimulierenden Dimension.

Völlig einheitlich aber sind beide Modelle natürlich auch wieder nicht. Zunächst einmal besteht der ganz grundsätzliche Unterschied darin, wie die beiden Verständlichkeitskonzepte aufgestellt werden: empirisch-induktiv einerseits – theoretisch-deduktiv andererseits. Während also Groeben jede der vier Dimensionen theoretisch begründet, stützen sich, vereinfacht formuliert, die Ergebnisse der Hamburger Forschergruppe auf Auswertungsverfahren und z.T. eher intuitive Annahmen.2 Zu den beiden auffälligsten Unterschieden zwischen beiden Ansätzen gehört erstens die unterschiedliche Auffassung von „optimaler“ Verständlichkeit – und zweitens die unterschiedliche Gewichtung der, hierarchisch gesehen, ersten beiden Verständlichkeitsdimensionen.

Der Hamburger-Ansatz geht davon aus, dass eine Maximierung der Verständlichkeit besonders innerhalb der Dimensionen sprachliche Einfachheit und Gliederung-Ordnung immer anzustreben ist (vgl. 2.1, dort v.a. Abb. 3) – im Unterschied dazu plädiert Groeben mit seinem theoretisch-deduktiven Ansatz ausdrücklich dafür, die Verständlichkeit eines Textes nicht allzu weit zu maximieren, sondern vielmehr zwecks stimulierender und daher nötiger Herausforderung ein mittleres Maß anzustreben. Berücksichtigt werden sollte dabei meines Erachtens, dass beide Modelle von z.T. unterschiedlichen Textsorten ausgehen (zumindest nicht von völlig einheitlichen!) und dass diese Textsorten entsprechend unterschiedliche Funktionen haben können bzw. unterschiedlichen Ansprüchen genügen müssen: Während sich Groeben fast ausschließlich auf „pragmatische Texte“ und deren Optimierung bezieht, also v.a. Sach-, Lehr- oder wissenschaftliche Informationstexte, schließt die Hamburger Gruppe auch ganz „alltägliche Gebrauchstexte“ und „außerordentlich unterschiedliche Texte“ aus den „verschiedensten Bereichen“ in ihre Untersuchung mit ein.3 Nun muss gerade ein wissenschaftlicher Informations- oder Lehrtext erwiesenermaßen anderen Ansprüchen genügen als etwa ein Artikel aus dem Lokalteil einer regionalen Zeitung (wobei hier keinerlei Wertung vorgenommen werden soll: andere Ansprüche bedeutet nicht zwangsläufig höhere oder geringere, bessere oder schlechtere); insofern, so denke ich, lassen sich Überlegungen anstellen, ob hier nicht ein, wenn auch geringfügiger Zusammenhang bestehen könnte – wobei freilich nicht behauptet werden soll, dass diese Textunterschiede im Ganzen ausschlaggebend seien.

Der zweite auffällige Unterschied zwischen beiden Ansätzen besteht, wie in 2.2 bereits ausgeführt wurde, in der unterschiedlichen Gewichtung der Dimensionen sprachliche Einfachheit und inhaltliche Strukturierung: Während der induktive Ansatz die Dimension der sprachlichen Einfachheit an erster Stelle fordert, ist für den deduktiven Ansatz die inhaltliche Strukturierung am wichtigsten; sprachliche Einfachheit hingegen trägt laut diesem Modell in nur relativ geringem Ausmaß zur Textverständlichkeit bei (auch hier sei wieder auf meine Überlegungen bezüglich der untersuchten Textsorten verwiesen). Letztlich aber kann gerade diese unterschiedliche Gewichtung der beiden Dimensionen insofern als einigermaßen relativiert angesehen werden, als

[d]iese Divergenz [...] auflösbar [ist], wenn man bedenkt, daß der sprachlich-stilistische Faktor bei der Hamburger Forschergruppe aufgrund der starken Konzent­ration auf traditionelle Stilmerkmale wohl überschätzt, bei Groeben hingegen […] vermutlich unterschätzt wurde.4

Insgesamt gesehen, sind also die Ergebnisse des induktiven und des theoretisch-deduktiven Modells zwar nicht völlig einheitlich, zeigen aber doch so große Überlappungen, dass daraus ein in Grundrissen „relativ gesichertes Konzept von Textverständlichkeit“5 abgeleitet werden kann, auf dessen Grundlage sich schließlich für die Praxis nützliche Handlungsanweisungen zur optimierten Textgestaltung ableiten lassen. Diese sollen im nächsten Teil der Arbeit vorgestellt und erläutert werden.   

 

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1

Groeben 1982, S. 206 (Hervorhebungen im Original).

2

Vgl. Wetzchewald 2002.
3 Vgl. Groeben 1982, S. 190 und S. 212, ferner Groeben/Christmann 1989, S. 165 und 169.
4 Groeben/Christmann 1989, S. 173 f. (Hervorhebung von mir).
5 Groeben 1982, S. 189.

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