3.2 Kurz und bündig: das Problem semantischer Redundanz

Die Textmerkmale der Dimensionen semantische Redundanz und sprachliche Einfachheit könnten prinzipiell auch zusammen behandelt werden, weil beide weitgehend von der sprachlichen Oberflächenstruktur eines Textes ausgehen1 – aus den oben bereits erläuterten Gründen möchte ich beide Dimensionen dennoch getrennt voneinander diskutieren.

Die Dimensionsbezeichnung semantische Redundanz klingt zunächst etwas abstrakt und vermittelt im Gegensatz zur Dimension Kürze-Prägnanz, wie sie der induktive Ansatz vorschlägt (vgl. Abb. 2 in 2.1), nicht unmittelbar eine so konkrete Vorstellung davon, welche Texteigenschaften überhaupt damit gemeint sind. Einfacher ausgedrückt, ließe sich daher vielleicht sagen, dass innerhalb der Dimension semantische Redundanz diejenigen Texteigenschaften zusammengefasst werden, die Auskunft darüber geben, „mit wie großer Weit­schweifigkeit bzw. Wiederholung die semantische Information (das Neue der Mitteilung) im Text übermittelt wird.“2 Es geht also um die Frage, wie Informationen, neue und unbekannte zumal, im Text präsentiert werden: kurz und präzise oder lang, ausführlich und weitschweifig? Die Hamburger Froschergruppe geht in ihren Ergebnissen davon aus, dass

man bei den meisten Informationstexten durch eine Verkürzung [der Informationsdichte] eine Steigerung der Textverständlichkeit erzielen könne und solle. Die ist allerdings, wie experimentelle Untersuchungen zeigen, zumindest für wissenschaftliche Informationstexte kaum zutreffend.3

Auch hier lohnt es sich wieder, auf den Unterschied zwischen den untersuchten Textsorten hinzuweisen, da sich die Hamburger Gruppe im Gegensatz zu Groeben nicht allein auf wissenschaftliche Informationstexte beschränkt. Trotzdem sei an dieser Stelle festgehalten, dass informationsdichtere Texte, also Texte mit einer höheren semantischen Redundanz, wie sie der theoretisch-deduktive Ansatz empfiehlt, für gewöhnlich einen behaltensfördernden Effekt erzeugen und sich entsprechend positiv auf die Verständlichkeit eines Textes auswirken – aber auch die Lesezeit unter Umständen wesentlich erhöhen.4 Erzeugt werden kann eine erhöhte semantische Redundanz durch: einfache Wortwiederholung, Verwendung allgemeiner Ausdrücke, durch Sätze und Satzteile, die verschiedene Formen von Umformulierungen semantisch wiederholen oder, so wird jedenfalls empfohlen, durch Synonyme (der unbedarfte und unkritische Umgang mit Synonymen kann sich meines Erachtens allerdings als äußerst problematisch erweisen und sollte daher in Frage gestellt werden).5 Simple Beispiele für erhöhte semantische Redundanz lassen sich bereits in diesem kurzen Abschnitt, darüber hinaus aber auch im Rest meiner Arbeit finden.

 

zurück zu 3.1 «

Inhaltsverzeichnis 

» weiter zu 3.3

1

So geschehen bei Groeben 1982, S. 223-234.
2 Groeben 1982, S. 199.
3 Ebd., S. 233 (Hervorhebung von mir).
4 Vgl. Groeben/Christmann 1989, S. 179.

5

Vor der Verwendung von Synonymen ist nach meiner Ansicht ausdrücklich zu warnen: Zwar ist Synonyme zu finden in den Zeiten professioneller Textverarbeitung natürlich leichter als je zuvor – Tatsache ist aber auch, dass der Vorrat an Synonymen grundsätzlich drastisch kleiner ausfällt, als es den treuen Verwendern und Propagandisten von Synonymen oft bewusst ist (oder ein Textverarbeitungsprogramm dem Schreiber weismachen will!); manche Linguisten und Stilistiker vertreten sogar die Ansicht, es gebe überhaupt kein Wort, das sich gegen ein anderes austauschen lasse, ohne dass sich nicht entweder die Intensität des Ausdrucks, der Bedeutungsumfang, die Stilebene, die Bewertung oder der Verständlichkeitsgrad änderte – besonders dann, wenn man durch ständigen Wechsel des Ausdrucks den Leser dermaßen verwirrt, dass er in den vorletzten Satz zurückspringen und sich dort nach den geeigneten Bezugswörtern umsehen muss (vgl. Reiners 1963, S. 27 f., Schneider 2001, S. 11 ff., Schneider 2003, S. 138 ff. Schneider 2005, S. 166 ff.). Zweifellos ist jede Häufung, zumal wenn sie hartnäckig wiederkehrt, ärgerlich, weshalb jeder Schreiber angehalten sein sollte, unnötige (!) Wiederholung auf engem Raum zu vermeiden – aber gerade wenn es um wichtige Informationen geht, um die Hauptsache also, sollte Wiederholung erlaubt sein. Zumal (und das ist ein weiterer Aspekt, der meiner Meinung nach nicht übersehen werden darf) der geradezu besessene Einsatz von Synonymen oft auch schlicht und ergreifend sehr bemüht und unnatürlich wirkt – und dadurch weitaus störender sein kann als eine simple Wiederholung. 

Impressum | Disclaimer | Kontakt